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Gymnasium Veitshöchheim bringt „Jugend ohne Gott“ eindrucksvoll auf die Bühne

Veröffentlicht am von Dieter Gürz


Oberstufentheater wagt sich an einen anspruchsvollen Stoff

Mit der Theaterfassung von Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ präsentierte das Oberstufentheater des Gymnasiums Veitshöchheim einen ebenso spannenden wie beklemmenden Theaterabend. Die Schüler der 11. und 12. Jahrgangsstufe hatten den Stoff gemeinsam mit ihren Lehrkräften bearbeitet, aktualisiert und in die Gegenwart übertragen.

Vor Beginn der zweiten Aufführung erläuterte Spielleiter Thomas Lazarus die Beweggründe für die Stückauswahl. Nachdem das Ensemble in den vergangenen Jahren häufiger leichtere Stoffe und Komödien gespielt habe, habe man sich diesmal bewusst für ein Werk entschieden, das gesellschaftliche Entwicklungen kritisch hinterfragt.

„Man könnte auch sagen, das ist ein bisschen düster“, sagte Lazarus. Der Roman aus dem Jahr 1937 beschäftige sich nicht in erster Linie mit dem Nationalsozialismus, sondern mit den Folgen eines autoritären gesellschaftlichen Klimas. „Es geht um die Frage, wie lange man sein normales Leben weiterlebt und zuschaut und wann der Moment gekommen ist, Konsequenzen zu ziehen.“


Die Geschichte aus Sicht der Klasse erzählt

Für die Veitshöchheimer Inszenierung wurde die Handlung aus ihrer historischen Zeit gelöst und in einen autoritären Staat der Gegenwart verlegt. Gleichzeitig änderte das Ensemble die Perspektive grundlegend.

„Wir haben die Perspektive rumgedreht“, erklärte Lazarus. „Nicht mehr die Ich-Erzählung eines Lehrers – es ist die Erzählung der Klasse, aus ihrer Sicht.“

Dadurch entstand ein dichtes, temporeiches Theaterstück, in dem die Darsteller immer wieder zwischen Erzähler- und Figurenrollen wechselten. Die Erwachsenen wurden ausschließlich von Schülern dargestellt. Immer wieder kommentierte die Klasse das Geschehen gemeinsam, stellte Behauptungen auf, widersprach sich und trieb die Handlung voran.


Vom Schulkonflikt zum Mordfall

Ausgangspunkt der Handlung ist ein Konflikt zwischen einem Lehrer und seiner Klasse. Nachdem er eine rassistische Äußerung in einem Aufsatz kritisiert, verliert er das Vertrauen der Schüler. Eine von der gesamten Klasse unterschriebene Erklärung fordert schließlich seine Absetzung.

Die Jugendlichen erscheinen als Generation, die sich an autoritären Denkweisen orientiert, Schwächere ausgrenzt und Mitgefühl als Schwäche betrachtet. Mobbing, Gruppenzwang und Anpassungsdruck prägen das Zusammenleben.

Die Situation verschärft sich während eines vormilitärischen Zeltlagers. Dort treffen die Jugendlichen auf einen fanatischen Unteroffizier, absolvieren Orientierungsläufe und Wachdienste und geraten immer tiefer in ein Klima aus Misstrauen und Gewalt.

Als die Schülerin N verschwindet und später erschlagen aufgefunden wird, entwickelt sich die Geschichte zu einem Kriminalfall. Verdächtigungen, Gerüchte und Vorurteile bestimmen die Ermittlungen. Wer hat die Tat begangen?

Z, dessen Tagebuch zum Auslöser eines Streits geworden war? Ein anderer Schüler? Oder doch jemand völlig Unbekanntes?

Besonders eindrucksvoll gerieten die Gerichts- und Verhörszenen, in denen die Beteiligten sich gegenseitig beschuldigten.

Chorisch wiederholte Aussagen wie „Ich bin der Mörder“ oder „E ist die Mörderin“ machten deutlich, wie schnell in einer verunsicherten Gesellschaft Schuldzuweisungen entstehen.


Zeitlose Fragen nach Wahrheit und Verantwortung

Neben der Kriminalhandlung beschäftigte sich die Inszenierung mit grundsätzlichen Fragen. Immer wieder ging es um Wahrheit, Verantwortung und Zivilcourage.

Der Lehrer erkennt nach und nach, dass sein Schweigen und seine Unentschlossenheit Teil des Problems geworden sind.

Der Titel „Jugend ohne Gott“ steht dabei nicht allein für den Verlust religiösen Glaubens. Gemeint ist vor allem der Verlust von Moral, Mitmenschlichkeit und Gewissen in einer Gesellschaft, die nur noch Leistung, Stärke und Anpassung gelten lässt.

Die Theaterfassung verzichtete auf einfache Antworten. Stattdessen zeigte sie junge Menschen auf der Suche nach Orientierung zwischen Gruppenzwang, Machtstreben, Angst und dem Wunsch nach Zugehörigkeit.


Ensemble überzeugt mit starkem Spiel

Getragen wurde die Aufführung von Cara Schmeller, Elena Wlasak, Felicitas Köhler, Finja Präger, Jana Backmund, Jonathan Werner, Lilian Lother, Lukas Hietel, Malou Schramm, Mia Hammer, Milla Wlasak, Paul Seefried und Sebastian Lederer.

Die Textfassung, das Bühnenbild, die Kostüme und die Regie wurden gemeinsam vom Ensemble erarbeitet. Dadurch entstand eine eigenständige Interpretation des Romans, die zwar Motive der Vorlage aufgriff, sprachlich und dramaturgisch jedoch neue Wege ging.

Für die Abendtechnik zeichnete Zia-Cajun Bukowski verantwortlich. Die Gesamtleitung lag bei Thomas Lazarus und Nils Klinke, unterstützt von Kristin Paulics.

Am Ende dankte Lazarus den Mitwirkenden für ihr Engagement und die intensive Probenarbeit. Der lang anhaltende Applaus zeigte, dass die Inszenierung ihr Ziel erreicht hatte: Das Publikum nicht nur zu unterhalten, sondern zum Nachdenken anzuregen.

Oder, wie der Spielleiter bereits vor Beginn formuliert hatte: „Viel Spaß wünschen ist vielleicht bei dem Stoff nicht die richtige Wahl. Aber auf jeden Fall einen eindrucksvollen Theaterabend.“ Genau das bot das Oberstufentheater des Gymnasiums Veitshöchheim.

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