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Lange Kriminacht am Gymnasium Veitshöchheim - Teil 2: Im Orientexpress wird fast jeder zum Verdächtigen

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Vom Hotel direkt in den legendären Luxuszug

Nach der Pause setzte die Theatergruppe der Mittelstufe ihre lange Kriminacht mit einem der berühmtesten Kriminalromane der Weltliteratur fort. Mit Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ in der Bühnenfassung des amerikanischen Dramatikers Ken Ludwig präsentierte sie einen ebenso spannenden wie humorvollen Theaterkrimi.

Zu Beginn warteten die vornehmen Reisenden in einem Hotel auf die Ankunft des legendären Orientexpress. Zu ihnen gesellte sich auch der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot (Taoufik Selaouti). Bouc (Simon Terpitz), der Verantwortliche der Eisenbahngesellschaft, ermöglichte ihm die Mitreise.

Bereits diese ersten Szenen führten das Publikum in die elegante Welt der 1930er Jahre.

Wenig später bewies das Ensemble eindrucksvoll seine technische und organisatorische Stärke. Während einer kurzen Verdunkelung verwandelte sich die Bühne in Windeseile in das Innere des berühmten Luxuszuges. Auf einer breiten Leinwand fuhr der Orientexpress durch die Landschaft, begleitet vom Schnaufen der Dampflokomotive und dem gleichmäßigen Rattern der Räder. Zusammen mit dem detailreichen Bühnenbild und den stilvollen Kostümen entstand die perfekte Illusion einer Zugreise von Istanbul nach Calais. Die nostalgische Atmosphäre des berühmten Luxuszuges war von der ersten Minute an spürbar.


Ein Mord stellt alle fast alle Reisenden unter Verdacht

Während der Fahrt wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Ratchett (Ilva Nickola) in seinem Schlafwagenabteil ermordet aufgefunden, mit einer Vielzahl von Stichen in der Brust.

Als der Zug wegen einer Schneeverwehung mitten in Jugoslawien zum Stehen kommt (hier auch optisch zu sehen), scheint der Täter in der Falle zu sitzen – niemand kann den Zug verlassen.

Hercule Poirot beginnt mit seinen berühmten „kleinen grauen Zellen“, die zahlreichen Widersprüche, Geheimnisse und falschen Fährten der Mitreisenden zu entwirren.

Für zusätzliche Spannung sorgte ein weiterer Zwischenfall während der Ermittlungen. Mary Debenham (Marlene Selbach) wurde scheinbar leblos in ihrem Abteil entdeckt und versetzte Mitreisende ebenso wie das Publikum in Aufregung. Für einen Moment schien es, als habe der geheimnisvolle Fall ein weiteres Opfer gefordert. 

Doch wenig später kam Mary wieder zu sich – glücklicherweise war nichts Schlimmeres geschehen. Zu Tage kam jedoch dass blutverschmierte Messer der Mordtat. Die Szene verstärkte aber die Unsicherheit darüber, welche Gefahren im eingeschneiten Luxuszug noch lauerten.


Ein außergewöhnlicher Kriminalfall

Im Verlauf seiner Ermittlungen entdeckt Poirot nach und nach, dass fast jeder der Reisenden eine Verbindung zu einem lange zurückliegenden Verbrechen besitzt. Das Mordopfer Samuel Ratchett ist in Wahrheit der unter falschem Namen reisende Kindesentführer und Mörder Bruno Cassetti, der Jahre zuvor die kleine Daisy Armstrong entführt und ermordet hatte, sich jedoch der gerechten Strafe entziehen konnte.

Schließlich enthüllt Poirot die überraschende Wahrheit: Nicht ein einzelner Täter hat Ratchett getötet. Vielmehr gehörten zwölf der Reisenden zu einem gemeinsamen Racheplan. Jeder von ihnen stand in enger Beziehung zur Familie Armstrong oder war mit ihrem Schicksal verbunden und hatte unter den Folgen des Verbrechens gelitten. Gemeinsam beschlossen sie deshalb, Cassetti selbst zur Rechenschaft zu ziehen. Jeder von ihnen versetzte ihm einen Messerstich, sodass sich die Tat keinem Einzelnen zuordnen ließ.

Damit endet der Kriminalfall ungewöhnlich. Poirot klärt zwar den Mord vollständig auf, erkennt aber zugleich die tiefe menschliche Tragödie hinter der Tat. Er steht vor der Frage, ob Recht immer mit Gerechtigkeit gleichzusetzen ist. Schließlich entscheidet er sich, gegenüber den Behörden eine andere Version des Tathergangs zu schildern und die Beteiligten nicht zu verraten. Gerade dieses moralische Dilemma macht Agatha Christies Kriminalklassiker bis heute so faszinierend.

Regisseurin Irmgard Ellinger reizte an diesem Stoff vor allem diese ethische Dimension. Anders als bei einem gewöhnlichen Kriminalfall gehe es hier nicht um einen Mord im Affekt, sondern um traumatisierte Menschen, die durch das Verbrechen an Daisy Armstrong geprägt wurden und gemeinsam einen Racheplan schmieden. Dadurch werde die Aufklärung des Mordes an Bruno Cassetti zu einem Ringen um Gerechtigkeit und Werte, das selbst den erfahrenen Ermittler Poirot in Gewissenskonflikte bringe.


Taoufik Selaouti brilliert als Hercule Poirot

Die anspruchsvolle Hauptrolle meisterte Taoufik Selaouti mit beeindruckender Bühnenpräsenz. Als Hercule Poirot verlieh er dem weltberühmten Detektiv genau jene Mischung aus Charme, Exzentrik, trockenem Humor und messerscharfer Beobachtungsgabe, die dessen Figur auszeichnet. Mit ruhiger Autorität führte er die Ermittlungen, stellte mit höflicher Beharrlichkeit die entscheidenden Fragen und zog das Publikum bis zum überraschenden Finale in seinen Bann.

Für Regisseurin Irmgard Ellinger war die Besetzung früh klar. Bereits im ersten Theaterjahr hatte Taoufik Selaouti in der Komödie „Oha, eine Leiche!“ den belgischen Meisterdetektiv verkörpert. Nun gelang ihm eindrucksvoll der Wechsel zur wesentlich anspruchsvolleren, ernsten Interpretation der Figur, die er mit großer Präsenz und bemerkenswerter Textsicherheit ausfüllte.


Jede Rolle überzeugend besetzt

 Auch die weiteren Rollen waren hervorragend besetzt. Simon Terpitz überzeugte als besonnener Bouc, der Poirot bei seinen Ermittlungen unterstützte und als Vertreter der Eisenbahngesellschaft den Überblick behielt.

Jana Hohm setzte als temperamentvolle Mrs. Hubbard mit sichtbarer Spielfreude immer wieder humorvolle Akzente.

Yannik Zeidler verlieh Schaffner Michel mit ruhiger Ausstrahlung und sicherem Auftreten Glaubwürdigkeit und sorgte für einen reibungslosen Ablauf im Zug.

Zu den illustren Reisenden gehörten Charlotte Bösing als würdevolle Prinzessin Natalia Dragomirov, die ihre aristokratische Haltung überzeugend auf die Bühne brachte, sowie Alexandra Rau als ihre zurückhaltende Begleiterin Greta Ohlsson, die ihre Rolle einfühlsam gestaltete.

Emma Lehner überzeugte als elegante, selbstbewusste Gräfin Helena Andrenyi.

Marlene Selbach verkörperte Mary Debenham angenehm zurückhaltend und geheimnisvoll,

während an ihrer Seite Omorede Ogbebor den aufmüpfig auftretenden Oberst Arbuthnot überzeugend darstellte, der es wagte, Poirot an den Kragen zu gehen.

Ilva Nickola verkörperte Samuel Ratchett (Bildmitte) eindrucksvoll als selbstbewussten und zugleich zwielichtigen Geschäftsmann aus Amerika, hinter dessen Identität sich der berüchtigte Kindesentführer und Mörder Bruno Cassetti verbirgt – jenes Verbrechen, das den eigentlichen Hintergrund der gesamten Handlung bildet. 

Eine wichtige Rolle im Geflecht der Ermittlungen spielte Emil Held als Hector McQueen (re.), der Sekretär Ratchetts. Mit sicherem Spiel machte er die innere Zerrissenheit seiner Figur glaubhaft.

Eliza Meyer war erneut als Kellnerin (li.) auf der Bühne zu sehen und fügte sich nahtlos in beide Inszenierungen des Abends ein. Ben Ole Jung übernahm in einer Rückblende die Rolle eines Selbstmörders aus einem früheren Syrien-Fall Poirots und setzte damit einen wichtigen dramaturgischen Akzent.


Spannung bis zum Schluss

Mit großer Spielfreude ließ das zwölfköpfige Ensemble die schillernden Figuren des Krimiklassikers lebendig werden. Die zahlreichen Verhöre, überraschenden Enthüllungen und raffiniert aufgebauten Wendungen hielten die Spannung bis zum Schluss hoch. Gleichzeitig arbeiteten die jungen Schauspieler die feinen humorvollen Untertöne der Bühnenfassung überzeugend heraus. So entstand eine ebenso spannende wie kurzweilige Inszenierung, die dem berühmten Roman in jeder Hinsicht gerecht wurde.


Begeisterter Schlussapplaus für außergewöhnliche Ensembleleistung

Mit ihrer langen Kriminacht bewies die Theatergruppe der Mittelstufe eindrucksvoll den hohen Stellenwert der Theaterarbeit am Gymnasium Veitshöchheim. Zwei anspruchsvolle Kriminalstücke an einem Abend, 24 engagierte Nachwuchsschauspieler, aufwendige Bühnenbilder, stimmige Kostüme und eine bis ins Detail durchdachte Regie machten die Aufführung zu einem der kulturellen Höhepunkte des Schuljahres.

Besonders beeindruckte die Selbstverständlichkeit, mit der die Jugendlichen ihre Rollen ausfüllten. Ob pointierte Dialoge, spannende Verhörszenen oder emotionale Momente – stets agierten sie mit bemerkenswerter Textsicherheit, großer Spielfreude und sichtbarer Begeisterung. Während des gesamten Abends war spürbar, dass hier ein Ensemble auf der Bühne stand, das über Jahre zusammengewachsen ist und sich gegenseitig trägt und inspiriert.

Irmgard Ellinger gelang es gemeinsam mit ihrem Assistententeam Richard Baudach, Mona Hiete und Toni Vorndran erneut, aus einer großen Gruppe junger Menschen eine geschlossene Theatergemeinschaft zu formen. Der lang anhaltende Schlussapplaus galt deshalb nicht nur den überzeugenden schauspielerischen Leistungen, sondern ebenso den vielen Monaten intensiver Probenarbeit. Die lange Kriminacht war ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie lebendig und anspruchsvoll Schultheater sein kann.


Bildunterschrift: das Ensemble der beiden Vorstellungen v.ln.r. Kilian Sommer, Freya Balzer, Joseph Gruber, Anisha Kirchgäßner, Yannik Zeidler, Simon Terpitz, Emma Lehner, Jana Hohm, Omorede Ogbebor, Marlene Selbach, Emma Götz, Ilva Nickola, Taoufik Selaouti, Emil Held, Ella Baier, Charlotte Bösing, Alexandra Rau, Emily Wilms, Eliza Meyer, Stella Roger, Frieda Mehlmann, Theo Höfler, Ben Ole Jung, Jan Weikert, Milou Schneider.

Weitere Fotoimpressionen Teil 2

Text und Fotos Dieter Gürz
Text und Fotos Dieter Gürz
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