„Die kleine Kapelle“ setzt beim sechsten Veitshöchheimer Sommerkonzert einen beschwingten Schlusspunkt – Rückblick auf eine besondere Konzertreihe
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Die letzten Sonnenstrahlen lagen noch auf den Mauern des historischen Synagogenhofes, als die ersten fränkischen Tanzmelodien erklangen. Wiederum ein lauer Sommerabend, der offene Himmel über dem Hof und vier Musiker, die mit sichtlicher Freude alte fränkische Musik zum Leben erweckten: „Die kleine Kapelle“ aus Eibelstadt setzte am Sonntagabend einen ausgesprochen beschwingten Schlusspunkt unter die diesjährige Sommerkonzertreihe der Gemeinde Veitshöchheim
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Zum sechsten und letzten Konzert der Reihe hatten sich noch einmal 90 Besucher im Synagogenhof des Jüdischen Kulturmuseums eingefunden. Statt großer Bühnenshow stand erneut die Musik selbst im Mittelpunkt – dieses Mal eine Musik, die tief in der fränkischen Tanz- und Wirtshauskultur verwurzelt ist und zugleich erstaunlich frisch und unmittelbar klingt.
Musik als Familiensache
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Bei „Die kleine Kapelle“ ist das gemeinsame Musizieren im wahrsten Sinne des Wortes Familiensache. Franz Josef Schramm steht gemeinsam mit seinen Söhnen Ferdinand und Maximilian Schramm auf der Bühne. Rosemarie Seitz ist seine Lebens- und Musikpartnerin.
(laut Vater = ein Corona-Produkt)
Diese besondere Verbindung prägt auch das Zusammenspiel. Ein Motiv wird aufgegriffen, weitergesponnen und von einem anderen Instrument beantwortet. Die vier Musiker kennen die musikalischen Stärken des jeweils anderen und können dadurch unmittelbar aufeinander reagieren.
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Eine besondere Klangfarbe bringt die Harfe von Rosemarie Seitz in die Formation. Gemeinsam mit Trompete, Klarinette, Saxophonen und Gitarre entsteht ein Klangbild, das die traditionelle fränkische Tanzmusik überraschend vielseitig erscheinen lässt.
Franz Josef Schramm ist seit vielen Jahren eng mit der fränkischen Volksmusik verbunden. Als Leiter der Beratungsstelle für Volksmusik in Franken des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege beschäftigt er sich intensiv mit historischen Musikquellen und ihrer Vermittlung.
Auch Rosemarie Seitz bringt einen vielseitigen musikalischen Hintergrund mit. Sie studierte am Mozarteum in Salzburg Konzertfach und Instrumentalpädagogik Harfe und ist als freischaffende Musikerin solistisch und in verschiedenen Ensembles tätig.
Musik, die in die Beine geht
Dass die Musik der kleinen Kapelle ursprünglich zum Tanzen gemacht wurde, war vom ersten Takt an zu spüren. Die Rhythmen gingen unmittelbar ins Ohr – und vermutlich bei manchem Besucher auch in die Beine.
Mal stand ein Instrument im Vordergrund, mal antwortete ein anderes, dann wieder fanden alle vier zu einem kraftvollen gemeinsamen Klang zusammen. Gerade dieses spontane und kreative Zusammenspiel machte den besonderen Reiz des Abends aus. Die Freude am Musizieren war dabei mindestens so ansteckend wie die Melodien selbst.
Musik aus alten Notenheften wird wieder lebendig
Ferdinand Schramm an Trompete und Gesang, sein Vater Franz Josef Schramm an Klarinette, Saxophon, Gitarre und Gesang, Rosemarie Seitz an der Harfe und im Gesang sowie Maximilian Schramm an Saxophon, Bassklarinette und Gesang nahmen das Publikum mit auf eine musikalische Zeitreise.
Den Auftakt bildete der „Alfelder Kirwa Schottisch“, eine ausgesprochen schmissige Tanzmelodie, die durch die Alfelder Musikanten weit über Franken hinaus bekannt wurde.
Danach ging es mit einer typischen fränkischen „Plantour“ weiter – jener Abfolge verschiedener Tänze, wie sie früher bei einer allgemeinen Tanzveranstaltung selbstverständlich war. Besonders reizvoll sind die Geschichten, in denen die Komponisten früherer Tanzmusik zwischendurch immer wieder bekannte Lieder in ihren Stücken verarbeitet haben. So stammt die Walzerfassung von „Schön ist die Jugend“ aus einer 1896 geschriebenen Notenhandschrift für siebenstimmige Blechmusik aus Fischach bei Augsburg.
Aus der Operette „Madame Sherry“ von Karl Hoschna (1877-1911) stammt die Melodie zu dem alten Schlager „Komm in meine Liebeslaube“, die die alten fränkischen Musikanten hier im Trio eines Rheinländers verarbeitet haben.
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Rheinländer = "einmal hin und einmal her - rundherum das ist nicht schwer "
Der „Turner Schottisch“ wiederum findet sich in einer 1881 entstandenen Handschrift aus Lahm bei Kronach.
Schottisch = ähnlich Polka, nur schneller
Auch beim „Hohenberger Dreher" am Ende der Plantour gab es eine kleine kuriose Geschichte zu erzählen: Der siebenstimmige „Streich“ stammt eigentlich aus Lahm bei Kronach und wurde irrtümlich von der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik als „Gallopp“ Hohenberg zu geordnet. Als später bekannt wurde, dass er keinen Bezug zu Hohenberg hat, wurde der Name dennoch beibehalten, auch um einen
Namen wie „Lahmer Dreher" zu umgehen.
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Dreher = Schnellster Tanz
Zwischen Tanzboden und Wirtshausgeschichten
„Die kleine Kapelle“ beließ es nicht bei reiner Instrumentalmusik. Immer wieder wurden die Tänze von fränkischen Liedern und Geschichten ergänzt.
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In den „Tanzbodengeschichten“ von Engelbert Bach ging es beispielsweise um zwei findige Burschen, die sich auf fantasievolle Weilse kostenlosen Zutritt zu einem Tanzabend verschaffen wollten.
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„An Sprung übers Graberl“ erzählte dagegen von einem abgewiesenen Liebhaber und einem angekündigten Verzicht auf den gemeinsamen Tanz – ein von der Gruppe gesungenes Lied, das Heimatvertriebene aus dem Egerland nach Franken mitbrachten.
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Mit dem „Schweizer Schottisch“ wurde anschließend ein schönes Tanzmusik-Stück gespielt, bei dem Teile an die Musik von Schweizer Ländlerkapellen erinnern. Aufgeschrieben wurde es von dem 2024 verstorbenen fränkischen Musikkollegen Franz Berwind.
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Solo Ferdinand Schramm
Bei der aus Niederbayern im Bayerischen Wald stammenden herrlichen Weise „Bauernari“ (Arien) und den anschließenden Ländlermelodien aus verschiedenen Quellen zeigte sich die besondere Stärke der kleinen Kapelle: Hier wurde nicht einfach ein festgelegtes Programm abgespult, sondern Melodien aus der Erinnerung aufgegriffen und spontan miteinander verbunden.
Vom Rhönmarsch bis zur „Mozartkugel“
Eine musikalische Reise durch Franken und seine Nachbarregionen führte schließlich auch zum Rhönmarsch „Frischauf zur lieben Rhön hinauf“. Die eingängige Melodie stammt vom Kaltennordheimer Heimatdichter Andreas Fack. Auf ihr entwickelte sich später ein flotter Wechseltanz, bei dem die Tänzer in einer Kette auch einmal den Entgegenkommenden die Hand reichen.
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"Tralala" - wunderschön zum Mitsingen - auch im Pulikum = ein Stück Lebensfreude
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Virtuos wurde es beim überaus flotten „Schnerr-Dreher“, den die Musiker in einem handschriftlichen Notenheft von Johann Theodor Schnerr aus Uffenheim aus dem Jahr 1831 entdeckt hatten. Das Stück verlangt einiges an Fingerfertigkeit – und zeigte zugleich, wie anspruchsvoll die alte Tanzmusik trotz ihrer scheinbaren Leichtigkeit sein konnte.
Passend zum neuen Höchheimer Steg:
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Im von der Harfe stimmungsvoll begleiteten Lied "Es führt über den Main" von Felicitas Kuckuck (1914-2001) wird eine magische Brücke über den Main thematisiert, auf der alle, die sie betreten, sofort zu tanzen beginnen.
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Für eine ruhigere musikalische Zwischenstation sorgte das wunderbare Harfenstück „Fluss und Meer/Der letzte Tanz der Sonne“ von Christoph Pampuch.
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So richtig zum Relaxen
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Mit "Die amerikanische Prozession" von Heini Hochrein schilderte Franz Josef Schramm ein besonderes Tanzabend-Erlebnis aus der Zeit direkt nach dem 2. Weltkrieg in Münnerstadt, als noch eine abendliche Ausgangssperre herrschte.
(Viel Beifall)
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Lied "Gehn mer mal rüber zum Zieglers Franz"
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Maximilian Schramm
"Kreizer Girgl“ war der Leib-und-Magen-Rheinländer des fränkischen Musikanten Georg Maul aus Alfeld (Mfr.), auf einer Schellackplatte der 1. Fränkischen Bauernkapelle Dorn aus Happurg (um 1907) ist dieser Tanz auch unter dem Titel „Der leichte Max“ zu finden.
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Kurz vor dem Ende ihrer Tanzbodenklänge brillierte die kleine Kapelle noch mit dem Zwiefacher „Herzober“ der Fränkischen Straßenmusikanten, die hier den Text „Geh tanz mit mir, dann schweben wir bis an die Himmelstür“ unterlegten.
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Zum Abschluss des offiziellen Programms wartete dann mit der „Mozartkugel“ eine besonders originelle Nummer. Der Dreher stammt aus einer der ältesten in Franken gefundenen Musikhandschriften, jener von Johann Georg Hannamann aus Bullenheim vom 28. Februar 1821. In den 1980er Jahren wurde die Melodie von der Ronhofer Bock- und Leiermusik wiederentdeckt. Weil der zweite Teil ein wenig an Mozarts „Kleine Nachtmusik“ erinnert, wurde das entsprechende Motiv eingebaut und der Dreher kurzerhand „Mozartkugel“ genannt.
Mit dieser historischen Tanzmelodie beendete „Die kleine Kapelle“ ihre „Tanzbodenklänge“ – allerdings nicht den Abend.
Eine Zugabe, die jeder kennt
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Der lange Applaus des Publikums machte eine Zugabe geradezu unausweichlich. Mit „Tanze mit mir in den Morgen“ schlug die kleine Kapelle anschließend eine Brücke von der historischen fränkischen Tanzmusik zum deutschen Schlager. Der 1961 mit Gerhard Wendland veröffentlichte Titel war damals ein Nummer-eins-Hit und ist bis heute vielen bekannt. Damit war endgültig bewiesen, dass zwischen historischem Tanzboden und populärer Unterhaltungsmusik durchaus mehr als eine Verbindung besteht.
„Tanzbodenklänge“ auch auf CD
Die Leidenschaft für die alte fränkische Tanzmusik ist inzwischen auch auf CD festgehalten. Unter dem Titel „Tanzbodenklänge“ hat „Die kleine Kapelle“ ein umfangreiches Programm mit 25 Titeln veröffentlicht (die meisten waren leider Konzert zu hören).
Die Stücke führen durch eine beeindruckende Vielfalt traditioneller Tanzformen: Walzer und Schottisch stehen neben Rheinländern, Drehern, Zwiefachen, einer Mazurka, einem Ländler und einem Marsch.
Damit ist die CD weit mehr als eine Sammlung historischer Melodien. Sie dokumentiert zugleich die besondere Spielfreude der Eibelstadter Familienmusik und bringt ein Stück fränkische Lebensfreude aus dem Tanzboden vergangener Zeiten ins Wohnzimmer.
Fünf Abende unter freiem Himmel – zweimal ausverkauft
Mit dem Auftritt der kleinen Kapelle ging zugleich eine sechsteilige Sommerkonzertreihe zu Ende, die seit vielen Jahren zum kulturellen Sommer in Veitshöchheim gehört.
Bereits der Auftakt am 2. August gehörte den „Jessicats“. Unter dem Motto einer Hommage an die Frauen im Jazz eröffnete die Formation die Konzertreihe und sorgte für einen stimmungsvollen Start in den musikalischen Sommer.
Eine Woche später folgte „Kapuze“. Die Verbindung von Zartbitter-Rock und Prosa-Balladen sorgte für eine ganz eigene Atmosphäre und bescherte dem Publikum im Synagogenhof musikalische Gänsehautmomente.
Am 16. August wurde es beim Trio „Red Pack“ voll im historischen Innenhof. Das Konzert war mit 130 Besuchern ausverkauft.
Noch einmal 130 Besucher kamen am 23. August zum Auftritt von WüBrass. Tango, Leidenschaft und südamerikanische Lebensfreude bestimmten diesen Abend – ebenfalls vor ausverkauftem Haus.
Ein Konzert musste kurzfristig entfallen
Nicht jeder Programmpunkt konnte allerdings wie geplant stattfinden. Das für den 30. August vorgesehene Konzert „Dylan? Fränkisch?“ musste kurzfristig und ersatzlos abgesagt werden.
Umso schöner war es, dass mit „Die kleine Kapelle“ noch einmal ein besonderer musikalischer Schlusspunkt gelang.
18 Jahre Sommerkonzerte im Synagogenhof
Seit 18 Jahren wird die Sommerkonzertreihe im Synagogenhof vom Kulturamt der Gemeinde Veitshöchheim gemeinsam mit Rainer Schwander organisiert. Auch 2026 zeigte sich wieder, was den besonderen Reiz dieser Konzertabende ausmacht: historische Kulisse, Musik unter freiem Himmel und ein Programm, das ganz unterschiedliche Stilrichtungen zusammenbringt.
Jazz, Rock und Prosa-Balladen, Weltmusik und Blechbläserklänge, schließlich fränkische Volksmusik – unterschiedlicher hätten die musikalischen Abende kaum sein können. Gleichzeitig bewies die Reihe erneut, dass der Synagogenhof ein außergewöhnlicher Ort für kleine, atmosphärische Konzerte ist.
Mit „Die kleine Kapelle“ klang die Konzertreihe nun passend fränkisch aus: mit alten Melodien, Geschichten vom Tanzboden, einem guten Schuss Humor und Musik, die schon vor mehr als hundert Jahren Menschen zum Tanzen brachte.
Ein beschwingter Abschluss einer Sommerkonzertreihe, die auch in ihrer 18. Auflage gezeigt hat, wie lebendig Kultur unter freiem Himmel in Veitshöchheim sein kann.
Fotos Dieter Gürz
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Link auf 3. Sommerkonzert
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