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Gänsehaut im Synagogenhof: „Kapuze“ verbindet Zartbitter-Rock mit Prosa-Balladen

Veröffentlicht am von Dieter Gürz


Zwischen Melancholie, Rockröhre und leisen Zwischentönen

Rund 50 Besucher erlebten am Sonntagabend, 9. August 2026, im Synagogenhof des Jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim einen ebenso gefühlvollen wie abwechslungsreichen Konzertabend. Um 18 Uhr gastierte das Duo „Kapuze“ im Rahmen der 18. Veitshöchheimer Sommerkonzerte und präsentierte sein Programm „Zartbitter-Rock und Prosa-Balladen“.

Rückzugsort, Wärme, Schutz: Schon der Name „Kapuze“ scheint Programm zu sein. Zeit für die großen und kleinen Gefühle, für Gedanken, Fragen und Geschichten, die im hektischen Alltag gerne einmal untergehen. Das Duo aus Ingolstadt verstand es, sein Publikum mit auf eine musikalische Reise zu nehmen, die zwischen melancholischen Balladen, treibendem Deutschrock und poetischen Texten wechselte.

Im Mittelpunkt standen Magdalena Utzt am Gesang und Christian Mayer am Piano. Die beiden bilden die reduzierte „XS-Formation“ der fünfköpfigen Band Kapuze. Was in der kleinen Besetzung zunächst schlicht erscheint, entwickelte sich zu einem erstaunlich vielschichtigen Klangbild.


Eine Stimme mit vielen Facetten 

Magdalena Utzt erwies sich dabei als charismatische Sängerin mit großer stimmlicher Bandbreite. Mal energisch und kraftvoll, dann wieder zart und beinahe zerbrechlich, bewegte sie sich sicher zwischen melancholisch-verträumten Passagen und einer kraftvollen Rockröhre, die bisweilen an die großen Stimmen des deutschen Rock erinnerte.

Ihre Interpretation verlieh den Texten von Christian Mayer eine besondere Intensität. Die Prosa-Balladen erzählen von Beziehungen, Sehnsucht, Alltag, Zweifeln und der Suche nach dem eigenen Platz im Leben.

Es geht um das, was zwischen Menschen und ihrem Glück stehen kann – und um die manchmal durchaus unerträgliche „Leichtigkeit des Seins“. Vieles ist eben „Einfach kompliziert“.

Mayer schreibt und komponiert die Songs, Utzt gibt seinen Gedanken mit ihrer Stimme eine ganz eigene Persönlichkeit. Besonders eindrucksvoll war das Zusammenspiel von Piano und Gesang: reduziert, konzentriert und dennoch voller Dynamik.


„Einfach kompliziert“ – vom leisen Einstieg zur Rock-Hymne

Der Song „Einfach kompliziert“ zeigte die ganze Bandbreite des Duos. Mit eindringlichem Gesang und dezenter Pianobegleitung begann das Stück beinahe zurückhaltend, bevor es sich immer weiter steigerte und schließlich in eine rockige Uptempo-Hymne mündete.

Die Texte stellen Fragen, auf die es nicht immer einfache Antworten gibt. Auch die persönliche Seite des Liedes wurde an diesem Abend deutlich: Seit zehn Jahren sind Magdalena Utzt und Christian Mayer musikalisch und freundschaftlich miteinander verbunden. Die Songs erzählen dabei nicht selten von den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens.


Vom Montagstrott zum Wirbelwind

Mit „Nein, nein“ wurde der Blick auf den Alltag gerichtet. Für wen steht man morgens eigentlich auf? Wofür brennt man? Und warum folgt man ständig irgendwelchen Trends, obwohl man längst merkt, dass man eigentlich nicht mehr kann?

Das Lied beschreibt den Druck, funktionieren zu müssen – bis man irgendwann merkt, dass etwas nicht mehr stimmt.

Ganz anders anschließend „Sei ein Wirbelwind“: Fröhlich, treibend und rhythmisch ging es hier um Lieben, Lachen, Gestalten und Weinen. Ein Lied, das dazu auffordert, das Leben nicht nur an sich vorbeiziehen zu lassen.


Liebe, Zeit und die Frage nach dem Wohin

Auch die persönlichen und zwischenmenschlichen Themen kamen nicht zu kurz. „Wohin“ stellt die große Frage: „Sag mir, wohin soll es gehen?“ Fliegen zwei Menschen gemeinsam weiter – oder lässt einer den anderen irgendwann stehen?

In „So um ein Jahr“ wird der Wunsch formuliert, eine Beziehung gewissermaßen für eine Weile „verschieben“ zu können, um neue Kraft zu tanken. Ein Lied voller Gefühle, das auch von der langen gemeinsamen Lebenszeit erzählt.

Die Zeit selbst steht im Mittelpunkt von „Jeder zweite Tag“. Aus einem Kalender herausgenommen, rast der Alltag dahin. Klare Gedanken wollen sich nicht einstellen, man wird nicht richtig munter und wünscht sich eigentlich nur 30 schöne Tage.


„Sonne“ – ein leiser Moment

Nach den dynamischeren Stücken wurde es wieder besinnlicher. „Sonne“ war ein Lied für die Sonne und zugleich ein Lied über Sehnsucht.

Der Wunsch, dass ein geliebter Mensch noch da sein möge, bevor die Nacht hereinbricht, gab dem Stück eine ruhige und intime Atmosphäre. „Ich wär so gern mit dir zu zweit“ – wenige Worte, die viel über Nähe und Vermissen erzählen.


„Was ist das?“ – Fragen ohne einfache Antwort

Zu den musikalisch spannendsten Momenten gehörte „Was ist das?“. Das Stück entwickelte sich zunehmend vertrackter und ließ innerhalb des Arrangements neue musikalische Ideen entstehen.

Inhaltlich geht es um den Zustand der Welt und die vielen Scherben, die überall herumliegen. Was ist das für ein Zustand? Wo führt das hin? Fragen, auf die auch an diesem Abend keine „anständige Antwort“ geliefert wurde.

Gerade dadurch entwickelte sich das Stück zu einem virtuosen Spaßbringer, bei dem Christian Mayer am Piano und Magdalena Utzt mit ihrer Stimme besonders kongenial zusammenspielten.


Wenn Tante Frieda auf „Dein ist mein ganzes Herz“ trifft

Besonders gefiel das Zusammenspiel von Piano und Gesang bei „Tante Frieda“. Das Stück erzählt augenzwinkernd von einer Person, die wohl jeder kennt. Innerhalb des Arrangements wechseln Stil und Tempo und sorgen für musikalische Überraschungen.

Für eine weitere Überraschung sorgte ein Cover, das ausdrücklich gewünscht worden war: „Dein ist mein ganzes Herz“ von Heinz Rudolf Kunze. Der 1985 erschienene Song handelt von einer leidenschaftlichen, zugleich schmerzhaften und krisenhaften Liebe – und fügte sich damit erstaunlich gut in die Themenwelt von Kapuze ein.

Auch „Hungriges Herz“, ursprünglich von MIA., fand seinen Platz im Programm. Das Lied erzählt von Sehnsucht, emotionaler Distanz und einer Liebe, die gleichzeitig anzieht und schmerzt.


„Schutzengel für zwei“ – zwischen Dachlawine und Affenhitze

Mit viel Humor näherte sich das Duo in „Schutzengel für zwei“ den alltäglichen Gefahren des Lebens: Schlaganfall, Dachlawine, Rutschgefahr, Affenhitze – und dann ist da niemand.

Die Lösung: Schutzengel. Am besten gleich mehrere, denn wenn sie gebraucht werden, nimmt man sie eben alle mit.

Damit zeigte sich eine weitere Stärke von Kapuze: Auch schwere Themen dürfen leichtfüßig, humorvoll und mit einem Augenzwinkern erzählt werden.


Melancholie, Sandkörner und die Hälfte der Zeit 

Zu den jüngeren Stücken des Programms gehörte „Sandkörner“. Eine melancholische Ballade, die von Nähe und dem Wunsch nach gemeinsamer Zeit erzählt: „Magst du nicht bei mir bleiben, bis der Morgen kommt?“

Sehr ruhig und tief gesungen, ließ das Stück viel Raum für Zwischentöne.

In „Die Hälfte der Zeit“ geht es um die Suche nach sich selbst. Was wäre, wenn einem tatsächlich die Hälfte der Zeit fehlt, weil man ständig auf der Suche nach sich selbst ist?

Den Abschluss bildeten weitere persönliche und poetische Gedanken, darunter „Damit du mir“ und als Zugabe „Muse, küss mich“.


Kapuze – seit zehn Jahren im XS-Format 

Die kleine Besetzung ist für Kapuze längst mehr als eine Notlösung. Seit rund zehn Jahren gibt es die „Kapuze XS“-Formation mit Magdalena Utzt und Christian Mayer. Die Reduktion auf Stimme und Piano schafft dabei eine besondere Nähe zum Publikum.

Magdalena Utzt, die aus einm Dorf bei Ingolstadt stammt und dem Publikum verriet, acht Geschwister und drei eigene Kinder zu haben, ist nicht nur die markante Frontfrau von Kapuze, sondern auch ausgebildete Altphilologin. Ihre sprachliche Sensibilität kommt den oftmals tiefgründigen Texten zugute.


Rainer Schwander mit Gespür für besondere Klänge 

Dass das Duo an diesem Abend überhaupt im Synagogenhof zu erleben war, ist auch dem besonderen Gespür von Rainer Schwander zu verdanken. Der örtliche Profimusiker organisiert seit 2008 gemeinsam mit dem Kulturamt der Gemeinde Veitshöchheim die sechsteilige Sommerkonzert-Reihe.

Klassik, Jazz, Blues, Folk, fränkische Volksmusik, mittelalterliche und orientalische Klänge: Das Programm der Sommerkonzerte ist seit jeher breit gefächert und immer wieder für Überraschungen gut.

Auch 2026 wird dieses Konzept fortgesetzt. Neue Ensembles, neue Stilrichtungen und neue Melodien sollen die musikalische Sommerflaute beleben.

Auf „Kapuze“ wurde Schwander aufmerksam, als das Duo im Pop-Radar von Bayern 2 mit seinem handgemachten Zartbitter-Rock und den Prosa-Balladen vorgestellt wurde. Das Engagement erwies sich als Glücksgriff.


Rund 50 Gäste und mehrfach Gänsehaut 

Die rund 50 Besucher im Synagogenhof erlebten einen Konzertabend, der sich nicht auf eine Stilrichtung festlegen ließ. Mal laut und treibend, mal leise und nachdenklich, bewegte sich die Musik ständig zwischen Rock, Ballade, Pop und poetischer Erzählung.

Gerade dieses laute Hin und Her, dieses Wechselspiel zwischen wärmendem Zartbitter-Rock und leisen Prosa-Balladen, machte den besonderen Reiz des Abends aus.

Beim charismatischen Gesang von Magdalena Utzt stellte sich dabei mehrfach Gänsehautgefühl ein.

Das Duo Kapuze xs braucht keine große Besetzung und keine aufwendige Show. Zwei Musiker, ein Piano, eine ausdrucksstarke Stimme und Texte, die etwas zu erzählen haben, reichten aus, um den Synagogenhof für 75 Minuten Stunden zu einem Ort für die großen und kleinen Fragen des Lebens zu machen.

Kein Platz für Oberflächlichkeit und Maskerade – dafür viel Raum für Musik, Gefühle und Gedanken, die auch nach dem letzten Ton noch nachhallen.

Text und Fotos Dieter Gürz

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