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Vernissage in der Veitshöchheimer Bücherei im Bahnhof: Kathrin Feser erzählt Geschichten zwischen Damals und Jetzt

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Bilder aus mehr als 200 Motiven, digitale Collagen mit bis zu 100 Ebenen, mit dem Messer gezeichnete Papierarbeiten und meditativ anmutende Tuschezeichnungen: Mit der Vernissage am Freitagabend, 25. September, wurde in der Bücherei im Bahnhof die Ausstellung der Veitshöchheimer Künstlerin Kathrin Feser eröffnet. Unter dem Titel „Zwischen Damals und Jetzt – Based on Some True Stories“ zeigt sie im Rahmen des Kulturherbstes 2026 des Landkreises Arbeiten, in denen Erinnerungen, Fundstücke, Reiseeindrücke und Alltagsbeobachtungen zu neuen Geschichten verschmelzen (im Bild die renommierte Künstlerin mit Büchereileiterin Astrida Wallat - re.).

Büchereileiterin Astrida Wallat begrüßte die Gäste im gut gefüllten Lesecafé und sorgte gleich zu Beginn selbst für einen besonderen musikalischen Akzent. Am Klavier stimmte sie mit Frédéric Chopins Etüde Op. 25 Nr. 1, der weltbekannten „Harfen-Etüde“, auf den Abend ein.


Zwischen Erinnerung, Gegenwart und Fantasie

Kathrin Feser freute sich bei der Vernissage besonders auch mit der Büchereileiterin besonders auch für den Besuch des Landtagsabgeordneten Volkmar Halbleib

Kathrin Fesers Kunst lebt von Veränderung. Kontrolle und Intuition, Rückgriff und Weiterentwicklung wechseln sich in ihrem Schaffensprozess ab. Fotografien werden zerschnitten, Motive neu zusammengesetzt, Linien überlagert und Erinnerungen in einen neuen Zusammenhang gebracht.

Dabei bewegt sich Feser spielerisch zwischen unterschiedlichen Zeiten. Vergangenes taucht in einem gegenwärtigen Zusammenhang wieder auf, Alltägliches trifft auf Surreales und persönliche Erinnerungen verbinden sich mit gefundenem Bildmaterial.

„So erarbeite ich mir meine Geschichten, wie in einem Theater im Baukastenprinzip“, beschreibt Feser ihre Arbeitsweise.

Besonders deutlich wird dieses Prinzip in ihren digitalen „Ping-Pong“-Collagen, deren Anfänge in die Zeit der Corona-Pandemie zurückreichen.


Ein „Ping-Pong der Bilder“

Die digitalen Collagen stehen in einer Traditionslinie von Dadaismus, Surrealismus und Pop Art, entwickeln daraus jedoch eine ganz eigene Bildsprache. Fotografien, Reisebilder, Zeichnungen, historische Motive und Fundstücke werden am Computer ausgeschnitten, bearbeitet und Schicht für Schicht miteinander verbunden.

Der Name „Ping-Pong“ passt zum Entstehungsprozess: Die Motive scheinen zwischen Zeiten, Orten und Bedeutungsebenen hin- und herzuspringen. Manche Arbeiten bestehen vor ihrer endgültigen Zusammenführung in Photoshop aus rund 100 einzelnen Ebenen.

So entstehen kleine Bühnen voller Details. Erst aus der Entfernung erschließt sich die Gesamtkomposition, beim näheren Hinsehen beginnen einzelne Gegenstände ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Das Reale liefert das Material – die Montage schafft eine neue Geschichte.


Über 200 Motive für „ÜberFranken“

Wie weit dieses Prinzip gehen kann, zeigt die Arbeit „ÜberFranken“. Mindestens 200 Motive flossen nach Angaben der Künstlerin in die Komposition ein. Erinnerungen und Ansichten aus Veitshöchheim, Margetshöchheim, Würzburg und Wertheim begegnen sich darin ebenso wie Motive vom Kiliani, aus der Zellerau oder aus dem Umfeld des Mozart-Gymnasiums. Architektur, Mode, Figuren und Alltagsbeobachtungen werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und neu montiert.

Auch Veitshöchheim liefert Feser reichlich Material: Schloss und Hofgarten, Mainwasser, Gärtnerei oder Weinfest können zum Bestandteil einer neuen Bildwelt werden. Vertraute Orte erscheinen dadurch plötzlich fremd – und vermeintlich Fremdes wirkt überraschend vertraut.


Von Kalifornien nach Veitshöchheim

Dass in Fesers Bildern unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, hat auch mit ihrer Biografie zu tun. Die Künstlerin studierte zunächst Graphic Design in Nürnberg, anschließend Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Mit einem Fulbright-Stipendium ging sie in die USA und schloss 1999 ihr Studium der Freien Kunst am California College of the Arts in San Francisco mit dem Master of Fine Arts ab.

San Francisco und Kalifornien hinterließen deutliche Spuren in ihrem Werk. Später lebte Feser unter anderem in Rom und an der Amalfiküste. Seit 2002 ist Veitshöchheim ihr Lebensmittelpunkt, nach 2009 arbeitete sie zwischen San Francisco und dem Raum Würzburg.

Aus diesen unterschiedlichen Orten entsteht ein persönliches Bildarchiv, auf das sie bis heute zurückgreift. Alte Familienbilder können dabei ebenso Ausgangsmaterial werden wie Reisefotografien, Straßenszenen, Gegenstände oder zufällige Beobachtungen.


Kleine Geschichten mit Überraschungseffekt

Gerade die Details machen den Reiz der Ping-Pong-Arbeiten aus. Ein Wollknäuel, ein Boxstudio oder ein Kaugummiautomat kann ebenso seinen Platz finden wie eine Stewardess, ein Sheriff, ein Stück Mondgestein oder eine amerikanische Westernszenerie.

Auch Erinnerungen an Kalifornien tauchen auf: Oakland, eine Corvette, eine Kneipe, Rodeo-Motive oder Straßenszenen aus San Francisco. Andere Arbeiten greifen Familiengeschichten auf, etwa Kleidungsstücke der Großmutter oder Motive, die an vergangene Lebenswelten erinnern.

Feser nimmt den Dingen dabei ihre ursprüngliche Eindeutigkeit. Ein Gegenstand bekommt durch seine neue Umgebung eine andere Bedeutung. Aus Fundstücken werden Figuren, aus Fotografien Kulissen und aus Erinnerungen neue Erzählungen.


„Ich zeichne mit dem Messer“

Neben den farb- und detailreichen digitalen Collagen zeigt die Ausstellung eine vollkommen andere Seite von Kathrin Fesers Arbeit: ihre Cut-Outs.

Bei diesen Werken wird Papier geschichtet, mit dem Schneidemesser bearbeitet, geöffnet und neu zusammengesetzt. Nicht nur das sichtbare Material ist entscheidend, sondern ebenso das, was entfernt wurde. Linien entstehen durch Schnitte, Flächen durch Überlagerungen und Tiefe durch Aussparungen.

Feser bringt ihre Arbeitsweise auf eine ebenso einfache wie treffende Formel: Sie „zeichnet mit dem Messer“.

Die Technik hat für sie ihre Ursprünge in Kalifornien. Im Gegensatz zu den überbordenden digitalen Collagen wirken die Cut-Outs reduziert und konzentriert.

Doch auch hier geht es um Schichten, um das Verbergen und Freilegen und um die Frage, was hinter einer sichtbaren Oberfläche liegt.


0,1 Millimeter und der Blick ins Universum

Wertvollstes Ausstellungsstück ist mit 5200 Euro dieses 114 x 64 cm große Zeichnung "orbital drawing" mit Tusche auf Papier.

Noch einmal eine völlig andere Arbeitsweise zeigen Fesers „Orbital Drawings“. Mit einem lediglich 0,1 Millimeter feinen Stift entstehen über viele Stunden und teilweise Wochen unzählige Kreise, Ellipsen und sich überschneidende Linien.

Was zunächst streng und geometrisch erscheint, entwickelt im Verlauf des Zeichnens ein Eigenleben. Die Formen verdichten sich, verlieren sich wieder, überschneiden sich und erzeugen räumliche Gebilde.

Der Arbeitsprozess ist langsam und meditativ. Zugleich erinnern die fertigen Zeichnungen an einen Blick in das Universum – an Planetenbahnen, mikroskopische Strukturen oder unbekannte kosmische Systeme.

Die Kunsthistorikerin Anna Katharina Feldhaus beschrieb diese Arbeiten als „geometrische Formen, die zu komplexen Metabildern organischer Kosmen werden – zu einer Art Materie mit Eigenleben“.

Etwas aus dem Rahmen fallen diese kollaborativen Zeichnungen, die Kathrin Feser gemeinsam mit Katie Frank kreierte.


Vergangenheit, Gegenwart – und „The Future“

Dass Feser nicht nur zurückblickt, zeigen neue Arbeiten in der Jugendabteilung der Bücherei. Unter dem Titel „The Future“ beschäftigt sie sich in einer Trilogie mit der Zukunft.

Damit schließt sich ein Kreis innerhalb der Ausstellung. Erinnerungen und historische Fundstücke stehen neben aktuellen Beobachtungen und Zukunftsvorstellungen. Was gestern geschah, kann Material für ein heutiges Bild werden – und aus diesem wiederum eine Vorstellung von morgen entstehen.

Feser selbst hat diese Haltung einmal so beschrieben: „Ich konstruiere spielerisch etwas aus der Vergangenheit, kommentiere die Gegenwart und visualisiere die Zukunft.“


Kunst, die beim Betrachten weitergeht

Die Vernissage machte deutlich, dass Fesers Arbeiten nicht auf eine schnelle Auflösung angelegt sind. Vor allem die Ping-Pong-Collagen belohnen den zweiten und dritten Blick. Immer wieder entdeckt der Betrachter ein neues Detail, erkennt einen vertrauten Ort oder beginnt, zwischen zwei scheinbar zusammenhanglosen Motiven eine eigene Verbindung herzustellen.

Genau darin liegt ein wesentlicher Reiz dieser Kunst: Kathrin Feser erzählt Geschichten, schreibt ihr Ende aber nicht vor. Die Fantasie des Betrachters wird zum Teil des Bildes.

Zwischen Damals und Jetzt entsteht so noch ein dritter Raum: jener Augenblick, in dem aus den vielen Schichten, Schnitten, Linien und Erinnerungsfragmenten im Kopf des Betrachters eine ganz eigene Geschichte wird.


Ausstellung noch bis Jahresende zu sehen

Die Ausstellung „Zwischen Damals und Jetzt – Based on Some True Stories“ ist Teil des Kulturherbstes 2026. Sie kann nach dem offiziellen Ausstellungszeitraum vom 25. September bis 18. Oktober noch bis Ende des Jahres während der regulären Öffnungszeiten der Bücherei im Bahnhof besucht werden.

Ort: Bücherei im Bahnhof, Bahnhofstraße 11, 97209 Veitshöchheim
Zugang: barrierefrei
Eintritt: frei

Informationen: Gemeinde Veitshöchheim, Tel. (0931) 9800825, E-Mail: buecherei(at)veitshoechheim.de
Internet: bib.veitshoechheim.de

Text und Fotos Dieter Gürz

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