Wo schaut Apollon eigentlich hin? Sylvia Oelwein ließ Kinder den Rokokogarten als steinernes Bilderbuch der griechischen Mythologie erleben
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„Wo schaut Apollon eigentlich hin?“ Einen Moment wird es ganz still. Zehn Kinderaugen folgen zunächst der ausgestreckten Hand der Statue – und bemerken dann überrascht, dass der Gott der schönen Künste in eine ganz andere Richtung blickt. „Ich habe euch doch erzählt, dass die Figuren uns den Weg zeigen“, sagt Sylvia Oelwein lächelnd.
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Es ist in der ersten Ferienwoche keine gewöhnliche Kinderführung. Im Kostüm einer Köchin des 18. Jahrhunderts nimmt die Gästeführerin ihre jungen Besucher im Rahmen der Ferienaktion „Kultur für Kinder“ mit auf eine Reise durch die Welt der griechischen Mythologie. Aus steinernen Figuren werden Helden und Göttinnen, aus verschlungenen Wegen ein philosophischer Lebensweg und aus dem Veitshöchheimer Rokokogarten ein riesiges Bilderbuch voller Geheimnisse.
Die rund einstündige Führung orientiert sich an Oelweins Buch „Der Mythos im Rokokogarten Veitshöchheim und Adam Friedrich von Seinsheim“, das 2011 in zweiter Auflage erschien. Darin beschreibt sie ihre Interpretation der Figurenprogramme und der Gedankenwelt Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheims, der den Rokokogarten im 18. Jahrhundert entscheidend prägte.
Jahrzehntelange Leidenschaft für den Rokokogarten
Dass Sylvia Oelwein Geschichte, Symbolik und Mythologie des Veitshöchheimer Rokokogartens so lebendig vermitteln kann, kommt nicht von ungefähr. Seit Jahrzehnten beschäftigt sie sich intensiv mit dieser einzigartigen Gartenanlage und ihren Skulpturen.
Vielen Veitshöchheimern ist sie noch als federführende Organisatorin des großen Rokokogartenfestes im Jubiläumsjahr 1997 in Erinnerung. Unter dem Motto „Wandeln durch die Vergangenheit – Ein Park erwacht zum Leben“ wurde damals anlässlich der 900-Jahr-Feier der Gemeinde der Rokokogarten selbst zur Bühne. Mit großem organisatorischem Geschick und gemeinsam mit zahlreichen Mitwirkenden ließ Oelwein die Welt des Rokoko eindrucksvoll wieder lebendig werden. Hunderte Mitwirkende in historischen Gewändern und Tausende Besucher machten das Fest zu einem bis heute unvergessenen Höhepunkt der Ortsgeschichte.
Die jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Rokokogarten fand schließlich ihren Niederschlag in ihrem Buch, das bis heute die Grundlage ihrer Führungen bildet. Während klassische Gartenführungen Architektur, Gartenkunst und historische Daten in den Mittelpunkt stellen, verfolgt Oelwein einen anderen Ansatz. Sie lädt ihre Zuhörer ein, hinter die Fassaden zu blicken und den Garten als große Erzählung zu verstehen. Geschichte, Philosophie und griechische Mythologie verbinden sich dabei zu einer Zeitreise, die den Rokokogarten aus einer völlig neuen Perspektive erleben lässt.
Dabei erklärt sie nicht einfach. Sie fragt, lässt beobachten und entdecken. Immer wieder fordert sie die Kinder auf, selbst nachzudenken und Antworten zu finden. So entsteht keine Unterrichtsstunde, sondern eine spannende Entdeckungsreise.
Am Fasanentor beginnt die Reise
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Schon am Eingang macht Sylvia Oelwein deutlich, dass dieser Garten weit mehr ist als eine prachtvolle Parkanlage. Zwischen den beiden geharnischten Wächterfiguren richtet sie den Blick der Kinder zunächst auf die gefesselte Andromeda.
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Geduldig erzählt sie die Geschichte der äthiopischen Königstochter, die einem Meeresungeheuer geopfert werden sollte, bis sie schließlich von Perseus gerettet wurde.
Gebannt hören die Kinder zu. Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass hinter jeder Statue eine Geschichte steckt.
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Mit einem Blick durch das Tor auf Schloss und Garten fordert Oelwein ihre jungen Zuhörer auf, sich dieses eindrucksvolle Ensemble zunächst in aller Ruhe anzusehen. Das Schloss, erklärt sie, verdiene eigentlich eine eigene Führung. Heute aber gelte die Aufmerksamkeit dem Garten und seinem Schöpfer Adam Friedrich von Seinsheim.
Clio weist den Weg
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Nur wenige Schritte weiter wartet auf der westlichen Futtermauer vor dem Schloss bereits die nächste Figur. Es ist Clio, die Muse der Geschichte.
Für Sylvia Oelwein ist sie weit mehr als eine dekorative Statue. Sie ist die eigentliche Wegweiserin durch den Rokokogarten. „Folgen wir ihrem Zeichen“, sagt sie. Tatsächlich weist Clio mit ihrer rechten Hand den Besuchern die Richtung. Für Oelwein beginnt hier die eigentliche Entdeckungsreise.
Sie erklärt den Kindern, dass Bildhauer wie Ferdinand Tietz ihren Figuren bewusst Gesten, Blickrichtungen und Gesichtsausdrücke verliehen haben. Nichts sei zufällig. Wer genau hinschaue, könne erkennen, dass die Figuren miteinander kommunizieren und den Besucher Schritt für Schritt durch den Garten führen.
Von diesem Moment an verändert sich die Führung. Die Kinder schauen genauer hin. Immer wieder folgen ihre Blicke den ausgestreckten Händen der Figuren oder versuchen herauszufinden, wohin sie schauen.
Der Garten wird zu einem Suchspiel.
Ein stiller Zeuge vergangener Jahrhunderte
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Noch bevor die Kinder tiefer in die Welt der griechischen Mythologie eintauchen, lenkt Sylvia Oelwein ihren Blick auf ein Bauwerk, das leicht übersehen wird: den Blauen Turm, auch Schießturm genannt.
Der markante Rundturm stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist damit das älteste erhaltene Bauwerk im Veitshöchheimer Schlossgarten. Ursprünglich diente er als Wachturm der ehemaligen Ortsbefestigung. Später nutzten ihn die Würzburger Fürstbischöfe bei höfischen Jagden als Ansitz und Beobachtungspunkt.
Für Oelwein ist der Turm ein schönes Beispiel dafür, wie sich im Rokokogarten verschiedene Zeitschichten begegnen.
Die Dreieckszone – der Schlüssel zum Garten
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Vor den Kindern liegt nun die geheimnisvolle Dreieckszone – jener Teil des Rokokogartens, den Sylvia Oelwein als Schlüssel zum Verständnis der gesamten Gartenanlage betrachtet. „Was haben wir denn hier?“, fragt Sylvia Oelwein und deutet auf den schmalen Weg, der sich zwischen den Hecken öffnet. „Wo führt der wohl hin?“
Die Kinder schauen sich neugierig um. Langsam betreten sie die geheimnisvolle Dreieckszone – jenen Gartenteil, den Oelwein als das eigentliche Herzstück des Rokokogartens bezeichnet. Für sie steckt hier der Schlüssel zur Gedankenwelt Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheims.
Es wird sichtbar, was man beim Hineingehen kaum wahrnimmt: Der Weg beginnt ganz schmal und öffnet sich nach und nach zu einem breiten Platz. Für Oelwein ist diese Gestaltung kein Zufall. Sie deutet sie als Sinnbild des menschlichen Lebensweges – vom schmalen Anfang bis zur Entfaltung des Lebens.
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Sie macht die Kinder immer wieder auf Figuren aufmerksam, an denen viele Spaziergänger achtlos vorbeigehen würden. Dazu gehört am schmalen Endpunkt der Dreieckszone auch Ceres, die römische Göttin des Acker- und Weinbaus, die in der griechischen Mythologie Demeter entspricht. Die um 1780 von Johann Peter Wagner geschaffene Sandsteinfigur hält ein Ährenbündel in den Händen; zu ihren Füßen befinden sich eine Getreidegarbe und der kleine Bacchus. Als nördlichster Eckpunkt der Dreieckszone markiert sie den Beginn jenes symbolischen Lebensweges, den Sylvia Oelwein den Kindern anschließend Schritt für Schritt erschließt.
Apollon zeigt den Weg – aber wohin?
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Vor einer Statue bleibt die Gruppe erneut stehen. „Wer ist das?“ „Apollon!“, kommt es aus der Kindergruppe. „Richtig“, sagt Oelwein. „Der Gott der schönen Künste. Aber jetzt schaut einmal genau hin. Ich habe euch doch erzählt, dass die Figuren uns den Weg zeigen. Was macht Apollon denn?“
Die Kinder folgen zunächst seinem ausgestreckten Arm. „Aber schaut einmal auf seinen Kopf. Wohin blickt er wirklich?“ Erst jetzt entdecken sie den entscheidenden Unterschied: Apollon zeigt zwar nach vorne, sein Blick richtet sich jedoch auf die Seite. „Da drüben!“, ruft eines der Kinder. Genau dort lag einst das berühmte Heckentheater.
Wo einst Theater gespielt wurde
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Gemeinsam geht die Gruppe zu dem historischen Ort. Heute erinnern nur noch die Hecken an das ehemalige Theater. Doch mit wenigen Worten lässt Sylvia Oelwein die Vergangenheit wieder lebendig werden.
Hier wurden im 18. Jahrhundert Theaterstücke aufgeführt. Die Hecken dienten als Kulissen und zugleich als Umkleideräume für die Schauspieler. Musik erklang, höfische Gesellschaften vergnügten sich, und der Fürstbischof nahm den Darbietungen bei.
Auch in den letzten Jahrzehnten, erzählt sie, war dieser Ort immer wieder Schauplatz kultureller Veranstaltungen. Die Kinder versuchen sich vorzustellen, wie hier einst Schauspieler, Musiker und höfische Gäste unterwegs waren.
Eine Geschichte in Stein
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Nur wenige Schritte weiter wartet bereits die nächste Szene. „Was macht denn diese Figur?“ Die Kinder betrachten aufmerksam die weibliche Gestalt. „Sie zieht sich einen Dorn aus dem Fuß!“
Mit wenigen Sätzen erzählt Oelwein von der mythologischen Szene und macht deutlich, dass die Bildhauer nicht nur schöne Figuren geschaffen haben. Jede Haltung, jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck erzählen eine Geschichte von Liebe, Sehnsucht, Versuchung oder Reue. Immer wieder fordert sie die Kinder auf, selbst genau hinzusehen. Nicht sie allein erzählt die Geschichten. Die Figuren erzählen sie ebenfalls.
Ein Blick in die Vergangenheit – der Poseidontempel
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„Schaut euch einmal diese Mauer an.“ Die Kinder entdecken vorspringende Steine und Mauerreste.
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Ölwein: „Hier stand früher der Poseidontempel.“ Ungläubiges Staunen.
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Auf dem historischen Foto e auf einem Schild um die Eck erkennen sie eine prachtvolle Anlage mit Wasserkaskaden, Figuren und künstlich als Ruinen gestalteten Säulen. „Damals war das modern“, erklärt Oelwein. „Man baute Ruinen ganz bewusst so, dass sie unvollendet aussahen.“ In der Mitte der Anlage thronte Poseidon, umgeben von weiteren Gestalten der griechischen Mythologie. Wasser floss über mehrere Becken talwärts und machte die Anlage zu einem der eindrucksvollsten Bereiche des Gartens.
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Seit der Zerstörung durch eine Bombe im Zweiten Weltkrieg existieren davon nur noch wenige Überreste.
Oelwein berichtet, dass sich über Jahrzehnte hinweg viele engagierte Persönlichkeiten für einen Wiederaufbau der Kaskade eingesetzt haben. Doch eine Rekonstruktion dieses einzigartigen Bauwerks wäre außerordentlich aufwendig.
Als langjähriges Mitglied des Freundeskreises des Rokokogartens weiß sie aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit allein die Pflege und Restaurierung der historischen Gartenanlage bedeutet.
Mit dem historischen Foto auf der Tafel gelingt dennoch etwas Besonderes: Für einen Augenblick sehen die Kinder den verschwundenen Tempel wieder vor sich.
Das Schneckenhaus – Abschluss des Lebensweges
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Am Ende der Dreieckszone erhebt sich das Schneckenhaus, das Belvedere des Rokokogartens. Das zweigeschossige Grottenhaus bildet den architektonischen Abschluss dieses besonderen Gartenteils. Muscheln, Grottenmotive und die goldene Kugel auf dem Dach verleihen ihm seinen unverwechselbaren Charakter.
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Wo die Kinder hineinschauen wurde früher musiziert, während oben die Herrschaften sich vergnügten.
Für Sylvia Oelwein markiert dieser Ort den Höhepunkt des symbolischen Lebensweges, den sie in der Dreieckszone erkennt.
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Vor dem historischen Bauwerk versammelt sich die Kindergruppe schließlich zum gemeinsamen Erinnerungsfoto.
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Der Lindensaal mit seiner schachbrettförmigen Lindenpflanzung gehört zu den besonderen Gartenräumen des Veitshöchheimer Hofgartens. Einst stand hier auf der geschotterten Fläche der von Materno Bossi 1771 errichtete Lindensaalpavillon, ein filigranes Treillage-Bauwerk, das 1945 zerstört wurde. Unter den schattigen Linden können die Besucher erahnen, wie der Garten einst als Bühne des höfischen Lebens genutzt wurde – als Ort der Begegnung, der Musik und der Erholung.
Von Göttern zu Fabeln
Mit dem Verlassen der Dreieckszone verändert sich auch das Thema der Führung.
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Jetzt richtet Sylvia Oelwein den Blick auf die berühmten Fabeln des französischen Dichters Jean de La Fontaine, deren Tierfiguren in der Heckenzone dargestellt sind.
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Besonders aufmerksam verfolgen die Kinder die Geschichte vom Wolf und dem Kranich. Der Kranich befreit den Wolf von einem Knochen, der ihm im Hals steckt. Als er anschließend seinen verdienten Lohn verlangt, weist ihn der Wolf höhnisch ab. Die Moral der Geschichte versteht auch die junge Zuhörerschaft sofort: Von Undankbaren sollte man keinen Dank erwarten.
Für Oelwein gehören diese Fabeln ebenso zum Gesamtkonzept des Rokokogartens wie die Figuren der griechischen Mythologie. Beide erzählen von den Stärken und Schwächen des Menschen.
Eine süße Überraschung
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Nach so vielen Geschichten ist es Zeit für eine kleine Pause. Im Chinesischen Pavillon wartet eine besondere Stärkung. Sylvia Oelwein verteilt frische Feigen aus ihrem eigenen Garten.
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Die ungewöhnliche Erfrischung kommt bei den Kindern bestens an. Während sie die süßen Früchte probieren, bleibt noch Zeit für Fragen und Gespräche über die vielen Eindrücke des Rundgangs. Gestärkt macht sich die Gruppe schließlich auf den Weg zum großen See.
Pegasus und das Streben nach Vollkommenheit
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Der Weg führt nun aus der Heckenzone hinaus zum großen See – jenem Bereich des Rokokogartens, den Sylvia Oelwein als Höhepunkt der symbolischen Gartenreise versteht. Schon von Weitem richtet sich der Blick auf den künstlich angelegten Parnass in der Mitte des Sees.
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Hoch oben erhebt sich Pegasus, das geflügelte Dichterross. „Wer weiß denn, wer das ist?“ Schnell kommt die Antwort aus der Kindergruppe. Pegasus, erklärt Oelwein, steht in der griechischen Mythologie für Dichtung, Inspiration und den Aufstieg zu höherer Erkenntnis. Für ihre Deutung des Rokokogartens symbolisiert er zugleich das Streben des Menschen nach Vollkommenheit.
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Adam Friedrich von Seinsheim habe den Garten nicht nur als Ort der Erholung verstanden, sondern als einen Weg des Nachdenkens. Die drei Gartenzonen – Wald, Hecken und See – könnten den Lebensweg des Menschen widerspiegeln: vom ungestümen Anfang über die Zeit des Lernens bis hin zur geistigen Reife.
„Wir wissen natürlich nicht mit Sicherheit, ob Seinsheim genau diese Gedanken hatte“, erklärt Oelwein. „Aber wenn man die Figuren, ihre Blickrichtungen und ihre Anordnung betrachtet, ergeben sich erstaunliche Zusammenhänge.“
Gerade diese Offenheit macht den besonderen Reiz ihrer Führungen aus. Sie lädt ihre Zuhörer nicht dazu ein, fertige Antworten zu übernehmen, sondern selbst Zusammenhänge zu entdecken.
Ein Garten voller Geschichten
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Während die Gruppe am See entlanggeht, wird noch einmal deutlich, was diese Führung so besonders macht.
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Immer wieder bleiben die Kinder stehen, entdecken neue Figuren und stellen Fragen. Aus einem Spaziergang ist längst eine Entdeckungsreise geworden.
Die griechischen Götter, die Musen, die Fabeltiere Jean de La Fontaines und die zahlreichen Allegorien bilden für Sylvia Oelwein keine lose Ansammlung schöner Skulpturen. Sie erzählen gemeinsam eine große Geschichte vom Menschen – von seinen Hoffnungen, seinen Irrtümern, seinen Prüfungen und seinem Streben nach Erkenntnis.
Der Rokokogarten wird dadurch zu einem steinernen Bilderbuch, das seine Geheimnisse erst dem offenbart, der bereit ist, genau hinzusehen.
Geschichte zum Mitmachen
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Zum Abschluss wird Geschichte noch einmal lebendig. Am kleinen See verwandelt sich Sylvia Oelwein kurzerhand in eine Tanzmeisterin des 18. Jahrhunderts. „Warum hat man damals wohl so getanzt?“, fragt sie die Kinder. Die Antworten fallen unterschiedlich aus.
Schließlich erklärt sie mit einem Schmunzeln, dass die Damen damals eng geschnürte Mieder trugen. Wilde Tänze wären damit kaum möglich gewesen. „Rock'n'Roll hätte da sicher nicht funktioniert.“ Die Kinder lachen.
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Stattdessen studieren sie gemeinsam mit ihrer Gästeführerin einen einfachen höfischen Kontratanz ein. Bald drehen sich kleine Paare mit viel Freude über den Platz und können für einen Augenblick nachempfinden, wie sich das Leben am Hof der Würzburger Fürstbischöfe angefühlt haben mag.
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Geschichte wird an diesem Nachmittag nicht erklärt – sie wird erlebt.
Eine Führung, die in Erinnerung bleibt
Als sich die Führung dem Ende zuneigt, verabschiedet sich Sylvia Oelwein mit einem bescheidenen Satz: „Ich hoffe, es hat euch ein bisschen Spaß gemacht.“ Die Antwort steht den Kindern ins Gesicht geschrieben. Sie haben gerätselt, beobachtet, Geschichten gehört, Feigen probiert und sogar einen höfischen Tanz gelernt. Vor allem aber haben sie gelernt, den Rokokogarten mit anderen Augen zu sehen. Aus scheinbar stummen Sandsteinfiguren sind Erzähler geworden.
Ein steinernes Bilderbuch
Dass Sylvia Oelwein den Kindern Geschichte und Mythologie so anschaulich vermitteln kann, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Veitshöchheimer Rokokogarten.
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Von der Organisation des großen Rokokogartenfestes 1997 über ihr Buch „Der Mythos im Rokokogarten Veitshöchheim und Adam Friedrich von Seinsheim“ bis zu ihren heutigen Führungen zieht sich ein roter Faden: Sie möchte zeigen, dass hinter jeder Statue mehr steckt als kunstvoll bearbeiteter Sandstein.
Wer nach dieser Führung an Clio, Demeter, Apollon, Pegasus oder den Fabeltieren Jean de La Fontaines vorbeikommt, wird sie mit anderen Augen betrachten.
Vielleicht ist es genau das, was Clio, die Muse der Geschichte, den Besuchern seit über 250 Jahren zeigen will: Wer bereit ist, genau hinzusehen, entdeckt im Veitshöchheimer Rokokogarten weit mehr als einen schönen Park – nämlich ein steinernes Bilderbuch voller Geschichten, das bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
Text und Fotos Dieter Gürz