„Mammut ruft den General“ – Hochrangiger Bundeswehr-Offizier diskutiert in Veitshöchheim über Deutschlands Sicherheit
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„Die Schlagzeile der Schülerzeitung lautete: ,Mammut ruft den General‘ – und das Fantastische ist: Der General kommt.“ Mit diesen Worten eröffnete Schulleiter Bernhard Brunner den Themenabend der Schülerzeitung „Mammut“ in der Aula des Gymnasiums Veitshöchheim. Mit Generalleutnant André Bodemann, Stellvertreter des Befehlshabers und Kommandeur Territoriale Aufgaben im Operativen Führungskommando der Bundeswehr, war einer der ranghöchsten Offiziere Deutschlands zu Gast.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand der „Operationsplan Deutschland“. Bodemann beschrieb die sicherheitspolitische Lage Europas als grundlegend verändert. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine müsse Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit neu bewerten.
Der von ihm mitentwickelte Operationsplan Deutschland sei kein Kriegsplan, stellte Bodemann klar. Vielmehr gehe es darum, Deutschland auf Krisen- und Verteidigungsszenarien vorzubereiten und mögliche Gegner abzuschrecken. „Der Operationsplan soll abschrecken – in der Hoffnung, ihn nie anwenden zu müssen.“
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Schulleiter Bernhard Brunner zeigte sich an der Seite der Redakteurinnen Cara Schmeller und Elisabeth Knorr beeindruckt von der Laufbahn des Gastes. Besonders dessen Erfahrungen in Afghanistan und sein pädagogischer Hintergrund hätten ihn angesprochen. „Sie haben sich mit Fragen der Führung beschäftigt, aber auch mit Themen, die uns alle unmittelbar betreffen“, sagte der Schulleiter.
Die Sicherheitslage Deutschlands sei längst kein Thema mehr, das nur Politik und Militär angehe.
Schule als Ort des offenen Diskurses
Im Vorfeld der Veranstaltung habe es vereinzelt kritische Stimmen gegeben. Der Schülerzeitung sei vorgeworfen worden, mit der Einladung des Generals „Bundeswehr-Propaganda“ zu betreiben. Diesen Vorwurf wies Brunner entschieden zurück.
„Sie suchen heute den Diskurs und den Austausch. Das ist exakt das Gegenteil von Beeinflussung“, betonte er in Richtung des Ehrengastes.
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Die Vortragsreihe „Jenseits des Tellerrands“, die vor Jahren gemeinsam mit dem Schulleiter des Deutschhaus-Gymnasiums Würzburg Michael Schmitt (links) ins Leben gerufen wurde, habe stets das Ziel verfolgt, kontroverse gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Diskutiert worden seien bereits Fragen des Klimawandels, der Rolle von Kirche und Heimat sowie der Umgang mit Flüchtlingen. „Genau das ist die Aufgabe dieser Veranstaltungsreihe: auch strittige Themen in die Diskussion zu bringen“, sagte Brunner.
Der Schulleiter verwies zudem auf die langjährige Zusammenarbeit des Gymnasiums mit der Bundeswehr. Als direkter Nachbar der Balthasar-Neumann-Kaserne profitiere die Schule von gemeinsamen Bildungsprojekten. Beispielhaft nannte er das Planspiel „POLIS“, bei dem Oberstufenschüler gemeinsam mit Jugendoffizieren der Bundeswehr internationale Konflikte simulieren und diplomatische Lösungen entwickeln. Zusammen mit einer Partnerschule im polnischen Lublin fördere das Projekt politische Bildung und europäische Verständigung.
Die Mammut-Redaktion holte den General nach Veitshöchheim
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Dass Bodemann überhaupt nach Veitshöchheim kam, war vor allem dem Engagement der Schülerzeitung „Mammut“ zu verdanken. Die Redakteurinnen Cara Schmeller und Elisabeth Knorr hatten Bodemann bereits bei einem Mammut-Seminar im Kloster Banz kennengelernt. Dort hielt der General einen Vortrag zur sicherheitspolitischen Lage Deutschlands. Anschließend führten die Redakteurinnen ein ausführliches Interview mit ihm für die Schülerzeitung.
„Wir haben ihn gefragt, ob er auch zu uns an die Schule kommen würde. Dann haben wir Kontaktdaten ausgetauscht – und es hat tatsächlich funktioniert“, berichtete Elisabeth Knorr.
In ihrer Begrüßung verwiesen die Schülerinnen auf Bodemanns Funktion als Mitverantwortlicher für den Operationsplan Deutschland. „Deswegen ist er wirklich der erste Ansprechpartner für die Frage, was dieser Plan überhaupt bedeutet“, sagte Cara Schmeller. Entsprechend groß sei die Freude gewesen, dass er die Einladung nach Veitshöchheim angenommen habe.
„Der Operationsplan entstand aus der Lage heraus“
Bodemann dankte zunächst den Organisatoren und den Schulleitern für die Einladung. Er habe zugesagt, weil er die Diskussion mit jungen Menschen als wichtigen Bestandteil demokratischer Debatten verstehe.
„Das ist ein Teil von Demokratie, dass wir Dinge unterschiedlich bewerten und darüber reden“, sagte er. Entscheidend sei nicht, immer einer Meinung zu sein, sondern miteinander im Gespräch zu bleiben.
Anschließend erläuterte er den Hintergrund des Operationsplans Deutschland, für den er verantwortlich zeichnet.
„Der Operationsplan Deutschland ist nicht geschrieben worden, weil wir gerne einen Plan haben wollten“, betonte Bodemann. Vielmehr sei er die Reaktion auf eine sicherheitspolitische Lage, die sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert habe.
„Nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“
Die bekannte Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges sei mit der heutigen Situation nicht mehr vergleichbar, erklärte der Generalleutnant.
„Wir befinden uns nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“, sagte er. Deutschland erlebe eine hybride Bedrohungslage, die sich nicht allein militärisch äußere.
Zu den Herausforderungen gehörten Desinformation, Cyberangriffe, Ausspähung und Sabotageversuche. Diese träfen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen.
Besonders die Verbreitung von Falschinformationen über soziale Medien bereite ihm Sorgen.
„Man kann heute Stimmen nachahmen und Menschen Aussagen in den Mund legen, die sie nie getroffen haben“, warnte Bodemann. Gerade junge Menschen seien davon betroffen, da sie einen Großteil ihrer Informationen über soziale Netzwerke beziehen.
Fast eine Million Cyberangriffe pro Tag
Ein weiteres großes Thema waren Cyberangriffe auf staatliche Einrichtungen und Unternehmen.
„Wir verzeichnen rund 950.000 Angriffe pro Tag“, berichtete Bodemann. Die meisten davon könnten abgewehrt werden. Dennoch gebe es täglich mehrere Angriffe, die ernsthafte Auswirkungen hätten.
Betroffen seien längst nicht mehr nur Bundeswehr oder Ministerien. Auch Krankenhäuser, Energieversorger und andere Betreiber kritischer Infrastruktur würden regelmäßig angegriffen oder mit Datendiebstahl und Erpressung konfrontiert.
„Das betrifft zunehmend auch zivile Einrichtungen“, erklärte der General.
Drohnen über Kasernen und kritischer Infrastruktur
Besonders eindringlich schilderte Bodemann die zunehmende Ausspähung militärischer und ziviler Einrichtungen.
Während der Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland seien überdurchschnittlich viele Drohnen über Übungsplätzen gesichtet worden. Ziel sei es gewesen herauszufinden, welche Truppenteile ausgebildet werden.
Doch auch außerhalb militärischer Anlagen werde kritische Infrastruktur beobachtet.
„Es sind nicht nur Drohnen“, sagte Bodemann. Immer wieder würden Personen auffällig, die sich als Pilzsammler, Spaziergänger oder Radfahrer ausgeben, tatsächlich aber Informationen über Infrastruktur sammeln.
Betroffen seien Bahnanlagen, Energieversorger, Chemieparks oder andere sensible Einrichtungen.
Als Beispiele nannte er Sicherheitsvorfälle rund um die Luftwaffenbasis Köln-Wahn sowie den Fund von Sprengstoff in der Nähe einer Pumpstation der NATO-Pipeline, über die Flugkraftstoff transportiert wird.
„Wer Deutschland treffen will, muss nicht zuerst Kasernen angreifen“, machte Bodemann deutlich. Oft reiche es aus, Energieversorgung, Verkehrswege oder Kommunikationsnetze zu stören.
Deutschland besonders im Fokus
Besorgt zeigte sich der Generalleutnant über die Häufung hybrider Aktivitäten in Deutschland. Bei Gesprächen mit Partnern in den Niederlanden, Belgien und Slowenien habe sich gezeigt, dass Deutschland deutlich stärker betroffen sei als viele andere europäische Staaten.
„In keinem Land um uns herum gibt es eine derartige Häufung hybrider Aktionen wie hier in Deutschland.“ Das liege vor allem an der zentralen Rolle Deutschlands als logistischer Knotenpunkt Europas und der NATO.
Warum die Bundeswehr Russland besonders beobachtet
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die sicherheitspolitische Entwicklung Russlands.
Bodemann betonte, dass die Bundeswehr nicht von einem unmittelbar bevorstehenden Angriff ausgehe. Dennoch beobachteten westliche Nachrichtendienste Entwicklungen, die auf den langfristigen Aufbau militärischer Fähigkeiten hindeuteten.
„Ob Russland diese Option irgendwann nutzt, weiß niemand. Aber wir müssen glaubwürdig abschrecken, damit genau das nicht passiert.“
Nach Erkenntnissen westlicher Nachrichtendienste baue Russland seine Streitkräfte trotz hoher Verluste im Ukraine-Krieg weiter aus. Neue Verbände würden aufgestellt, zusätzliche Standorte geschaffen und die Personalstärke erhöht. Russland investiere zudem massiv in die Rüstungsproduktion. „Russland rekonstruiert seine Streitkräfte parallel zum laufenden Krieg“, erklärte Bodemann.
Öl finanziert die russische Kriegswirtschaft
Der General ging auch auf die wirtschaftlichen Grundlagen der russischen Aufrüstung ein.
Russland sei auf hohe Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen, um seine Kriegswirtschaft zu finanzieren. Deshalb spiele der Transport von Öl über die Ostsee eine entscheidende Rolle.
Bodemann verwies auf die sogenannte Schattenflotte, mit der Sanktionen umgangen würden. Viele dieser Schiffe würden unter wechselnden Flaggen fahren oder andere Vorschriften umgehen.
„Russland muss Öl verkaufen, um seine Kriegswirtschaft finanzieren zu können.“ Deshalb komme es immer wieder zu Spannungen rund um den Schiffsverkehr in der Ostsee.
Sicherheit als Aufgabe der gesamten Gesellschaft
Der Operationsplan Deutschland sei aber ausdrücklich kein Kriegsplan, stellte der General klar. „Der Operationsplan soll abschrecken – in der Hoffnung, ihn nie anwenden zu müssen.“
Deutschland spiele aufgrund seiner geografischen Lage eine Schlüsselrolle innerhalb der NATO. Im Krisenfall würden Truppen und Material zahlreicher Bündnispartner über deutsches Territorium transportiert. Deshalb müsse die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Behörden, Unternehmen und Hilfsorganisationen vorbereitet werden.
Ein wichtiger Bestandteil sei der Heimatschutz. Dabei komme freiwilligen Helfern bei Feuerwehr, Technischem Hilfswerk oder Hilfsorganisationen eine zentrale Rolle zu.
„Wir müssen uns ehrlich machen und wissen, wer tatsächlich verfügbar ist“, sagte Bodemann mit Blick auf Mehrfachengagements vieler Ehrenamtlicher.
Offene Diskussion über Wehrpflicht, Verantwortung und Angst
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In der anschließenden Podiumsdiskussion griffen die Teilnehmer viele Fragen auf, die Cara Schmeller und Elisabeth Knorr bereits Monate zuvor in ihrem Interview mit Bodemann gestellt hatten.
Themen waren die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber, Cyberangriffe, gesellschaftliche Verantwortung und die Auswirkungen internationaler Konflikte auf Jugendliche.
Dabei betonte Bodemann, Verantwortung beginne nicht zwangsläufig bei der Bundeswehr.
„Jeder sollte etwas für diese Gesellschaft tun“, sagte er. Das könne ebenso bei Feuerwehr, THW, Rettungsdiensten oder in sozialen Einrichtungen geschehen.
Offen sprach er auch über die Realität des Soldatenberufs. „Man muss deutlich machen, dass dieser Beruf eine Konsequenz hat.“ Im Ernstfall könne dies bedeuten, die eigene Gesundheit oder sogar das eigene Leben einzusetzen.
„Angst ist kein guter Ratgeber“
Besonders aufmerksam verfolgten die Zuhörer die Antwort auf die Frage, wie junge Menschen mit der Angst vor Krieg umgehen sollten. „Angst ist erst einmal etwas völlig Normales“, erklärte der studierte Pädagoge. Sie sei eine natürliche Schutzreaktion des Menschen. Gleichzeitig warnte er davor, sich von Angst beherrschen zu lassen. „Angst ist kein guter Ratgeber.“
Wichtig sei politische Bildung und die Bereitschaft, sich aktiv mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen.
Mit Blick auf seine Erfahrungen in Afghanistan erinnerte Bodemann daran, welche Bedeutung Bildung für Frieden und gesellschaftliche Entwicklung habe. Der Zugang zu Schulen und Universitäten sei dort für viele Menschen eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben gewesen.
Großer Zuspruch für einen besonderen Abend
Der Themenabend zeigte, wie sehr sicherheitspolitische Fragen inzwischen auch Schulen und Jugendliche beschäftigen. Mit Generalleutnant André Bodemann gelang es der Schülerzeitung „mAmmuT“, einen hochrangigen Vertreter der Bundeswehr nach Veitshöchheim zu holen und eine sachliche Diskussion über Sicherheit, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung anzustoßen.
Der lang anhaltende Applaus nach Vortrag und Podiumsdiskussion zeigte, dass das Konzept der Reihe „Jenseits des Tellerrands“ erneut aufgegangen war: aktuelle Themen aufzugreifen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen und den offenen Austausch zu fördern.
Rund 200 Zuhörer folgtem gebannt dem Vortrag des Generalleutnants
Fotos Dieter Gürz und Hansjörg Rüthel