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Veitshöchheim stellt Abschlussbericht zur kommunalen Wärmeleitplanung vor – Bürgerinfo in den Mainfrankensälen

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Wie kann Veitshöchheim bis 2045 klimaneutral mit Wärme versorgt werden? Antworten auf diese Frage liefert der Abschlussbericht der kommunalen Wärmeplanung (KWP). 

Vorgestellt wurde er am 18. September 2025 in den Mainfrankensälen vor rund 80 interessierten  Bürgern durch Wenzel Nied (Energieversorgung Lohr-Karlstadt) und Onur Tüptük (Energieagentur Unterfranken). Bereits zwei Tage zuvor hatte der Gemeinderat das Werk zur Kenntnis genommen.

Die Erstellung des Konzepts kostete rund 64.700 Euro, wovon 90 Prozent durch Fördermittel des Bundes gedeckt sind. Damit gehört Veitshöchheim zu den ersten Gemeinden in Unterfranken, die schon vor der gesetzlichen Verpflichtung ab 2028 eine Wärmeplanung vorlegen können.

„Die Wärmeplanung ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft“, betonte Bürgermeister Jürgen Götz bei der Bürgerinfoveranstaltung. Der Plan liefere eine verlässliche Grundlage, wo individuelle Heizlösungen sinnvoll sind und wo sich gemeinschaftliche Wärmenetze lohnen.  „Bis zur tatsächlichen Umsetzung von Wärmenetzen werden aber noch Jahre vergehen“, betonte er.

Zugleich stellte er klar, dass die Wärmeplanung keinen rechtsverbindlichen Charakter habe: „Sie ist eher als strategisches Instrument zu sehen – vergleichbar mit einem Flächennutzungsplan.“

Der Bericht teilt das Gemeindegebiet in 14 Zonen ein: in rot markierte Gebiete, in denen perspektivisch ein Anschluss an ein Wärmenetz möglich sein könnte und grün markierte Ortsgebiete, in denen dagegen nur dezentrale Systeme wie Wärmepumpen in Frage kommen. Blau markiert ist als Prüfgebiet das Bauerwartungsland am Geisberg, weil da zum aktuellen Zeitpunkt noch keine belastbaren Annahmen getroffen werden können sowie grau die Kaserne als Sonderfall.

Ziel ist es laut Wärmeplan, für ganz Veitshöchheim bis 2045 eine klimaneutrale Wärmeversorgung zu erreichen.

 In dieser Tabelle  sind den einzelnen Versorgungsgebieten die Jahre zugeordnet, in denen die jeweilige Wärmeversorgungsart vorrangig Anwendung finden soll.

Schenkenfeld als Schwerpunkt der Wärmeplanung

Besonderes Augenmerk lag bei der Präsentation auf dem Quartier Schenkenfeld im Südwesten der Gemeinde. Dort konzentrieren sich zahlreiche mehrgeschossige Wohnbauten, unter anderem im Eigentum der Bayerischen Versicherungskammer. Diese Gebäude haben eine sehr hohe Wärmedichte und gelten auch aufgrund der kurzen Trassenverläufe als prädestiniert für den Aufbau eines Wärmenetzes.

Im Rahmen der Infoveranstaltung stellte Dr. Sebastian Kolb (Prosio Engineering) eine Machbarkeitsstudie für ein mögliches Netz im Schenkenfeld vor. Diese Untersuchung stand am Ende auch im Mittelpunkt der Diskussion mit den Bürgern.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im Schenkenfeld vorrangig ein Wärmenetz entstehen könnte – allerdings frühestens im Jahr 2030. Als Option 1 sieht sie den Aufbau eines Netzes in drei Ausbaustufen vor:

  • In Stufe 1 würden die großen Wohnblöcke als sogenannte „Ankerkunden“ eingebunden, mit einer Anschlussquote von zunächst rund 30 Prozent.

  • In Stufe 2 (ab etwa 2035) könnten weitere Quartiere mit mittlerer Wärmedichte angeschlossen werden.

  • In Stufe 3 schließlich wäre eine Ausweitung auf Straßenzüge mit geringerer Dichte vorgesehen, sodass das Netz schrittweise in die Breite wachsen könnte.

Laut Kolb haben bereits einzelne Eigentümer, darunter die Bayerische Versicherungskammer, Interesse an einem Anschluss signalisiert. Damit wäre die entscheidende Voraussetzung erfüllt: Ohne große Abnehmer mit dauerhaft hohem Wärmebedarf wäre ein Netz wirtschaftlich kaum darstellbar.


Bürgerfragen: Kosten, Zwang, Baustellen

Im Anschluss an die Präsentation nutzten viele Bürger die Gelegenheit, konkrete Fragen zu stellen – vor allem zum Schenkenfeld.

So wurde mehrfach nach den Investitionskosten gefragt: Wer soll die immensen Summen für ein Wärmenetz überhaupt aufbringen? Wenzel Nied von der Energieversorgung Lohr-Karlstadt erläuterte: „Zum einen gibt es Bundes- und Landesförderungen, zum anderen beteiligt sich der Energieversorger selbst. Auch weitere Investoren oder die Gemeinde könnten in Frage kommen. Ein Teil der Kosten wird über die Energiekosten der Anschließer refinanziert. Denkbar wären darüber hinaus auch genossenschaftliche Modelle.“

Ein weiteres Thema war die Sorge vor einem möglichen Anschlusszwang. Hier konnte Entwarnung gegeben werden: „Einen Zwang wird es nicht geben, das ist gesetzlich auch gar nicht möglich“, betonte Nied. Wer sich nicht anschließen möchte, muss sich auch nicht an den Kosten beteiligen.

Gefragt wurde auch nach dem Standort einer Wärmezentrale. Dazu könne die Machbarkeitsstudie noch keine Angaben machen. Die Idee, Flächen der Bundeswehr – etwa vom Truppenübungsplatz – dafür zu nutzen, wurde sofort verworfen: „Das ist keine Option“, so Nied.

Auch praktische Fragen beschäftigten die Bürger: Würde ein Wärmenetz im Schenkenfeld etwa mit Vollsperrungen der Straßen verbunden sein? Diese Frage könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden, hieß es. Erfahrungsgemäß arbeite man aber eher mit halbseitigen Sperrungen, um Busverkehr und Zufahrten aufrechtzuerhalten. Klar sei aber: Der Aufwand sei deutlich größer als bei der Verlegung von Glasfaserleitungen.

Andere wollten wissen, ob der Bau eines Netzes Einschränkungen für private Photovoltaikanlagen bedeuten würde. Auch hier die klare Antwort: Nein – beides habe nichts miteinander zu tun. „Spricht überhaupt nichts dagegen, wenn Sie sich eine PV-Anlage aufs Dach setzen“, so Nied.

Manfred Roßner äußert sich nach der INFO-Veranstaltung zu den hohen Kosten von Wärmenetzen und kritisiert die Politik, die diese Belastungen auf die Bürger abwälzt. Er berichtet von eigenen Erfahrungen mit Bausparverträgen und Förderanträgen für Heizungssysteme. Er ist der Meinung, dass Nachbarn und Hausbesitzer ihre Heizungen selbst finanzieren sollten, anstatt dass der Staat dafür aufkommt. Roßner betont die Vorteile moderner Wärmepumpen, die Energie aus der Luft ziehen und minimale laufende Kosten verursachen (Strom, Wasser, Abwasser, Grundsteuer). Er möchte beweisen, dass keine umfangreichen Haussanierungen nötig sind und bietet an, sein selbst isoliertes Haus und sein Heizsystem im Schenkenfeld jedem Interessierten zu zeigen, um Ängste vor neuen Technologien abzubauen.


Option 2: Schulzentrum und Gartensiedlung

Neben dem Schenkenfeld hat die Wärmeplanung auch das Umfeld des Schulzentrums und des Berufsförderungswerks als geeignet für ein Wärmenetz identifiziert. In Kombination mit angrenzenden Straßenzügen der Gartensiedlung im Norden könnte hier ein zweites, eigenständiges Netz entstehen. Auch diese Variante erfordert jedoch langfristige Planung und Investitionen.

Altort: Vision mit Mainwasser frühestens ab 2045

Vom Prinzip her denkbar wäre auch ein Wärmenetz für den historischen Altort. Hier könnte das Mainwasser als nahezu unbegrenzt verfügbare Energiequelle dienen. Doch ein solches Projekt hat keine Priorität. „Vor 2045 wird es hier nicht losgehen, allein schon, weil die Kirchstraße gerade erst grundlegend saniert wurde“, machte Bürgermeister Götz deutlich.

Dezentrale Systeme für die übrigen Ortsteile

In allen übrigen Gebieten Veitshöchheims sieht die Planung dezentrale Lösungen vor – in erster Linie den breiten Einsatz von Wärmepumpen. Unterstützt werden soll dies durch Photovoltaik auf Dächern sowie durch energetische Sanierungen. „Ein entscheidender Faktor wird die Steigerung der Sanierungsraten sein“, so Onur Tüptük von der Energieagentur Unterfranken.


Spezialfall Balthasar-Neumann-Kaserne

Ein Anschluss der Balthasar-Neumann-Kaserne an ein externes Nahwärmenetz ist laut Nachfrage bei der Pressestelle der 10. Panzerdivision kein Thema. Die derzeitige Heizanlage in der BNK verbrennt Gas, kann aber auch Öl verbrennen. Eine neue Heizanlage ist geplant und wird voraussichtlich 2028 gebaut. Diese soll Hackschnitzel verbrennen. Eine prozentuale Zahl zur Nutzung erneuerbarer Energieformen in der Kaserne konnte nicht genannt werden, allerdings wurde auf dem Dach des soeben erstellten Neubaus des Sanitätsversorgungszentrums tatsächlich erstmals eine Photovoltaik-Anlage installiert (von unten nicht sichtbar).

 


Status quo: Fast ausschließlich fossile Energie

Der Wärmeplan zeigt auch, wie groß die Aufgabe ist: Der jährliche Wärmebedarf Veitshöchheims liegt bei rund 95.000 Megawattstunden, die fast vollständig durch fossile Energien gedeckt werden – 90 Prozent Erdgas, fünf Prozent Heizöl und fünf Prozent Biomasse. Rund 2.100 Gebäude gibt es im Ort, 73 Prozent davon Einfamilienhäuser. Mehr als die Hälfte der Häuser stammt aus den 1960er- bis 1980er-Jahren, viele mit nur unzureichender Dämmung. Die Heizungen sind im Schnitt 20 Jahre alt, 95 Prozent werden mit fossilen Energieträgern betrieben.

Potenziale: Sonne, Umweltwärme und Sanierung

Die Planer sehen mehrere große Hebel:

  • Solarthermie könnte auf Dächern jährlich bis zu 11.700 MWh Wärme liefern, große Freiflächenanlagen bis zu 16.000 MWh.

  • Photovoltaik: Auf den Dächern wären bis zu 47.000 MWh Strom pro Jahr möglich, bislang sind nur rund 2.700 MWh installiert. Auch 72 Hektar Freiflächen gelten als geeignet.

  • Umweltwärme aus Luft, Erde und Mainwasser hat enormes Potenzial, insbesondere für Wärmepumpen.

  • Energetische Sanierungen könnten langfristig 40 bis 50 Prozent des heutigen Wärmeverbrauchs einsparen.

     


Ein langer Prozess

Bis 2045 soll Veitshöchheim eine klimaneutrale Wärmeversorgung erreichen. Dazu braucht es Wärmenetze in verdichteten Quartieren und dezentrale Systeme in locker bebauten Bereichen. Die Umsetzung ist jedoch ein langwieriger Prozess, der kontinuierlich überprüft und angepasst werden muss. Alle fünf Jahre soll die Wärmeplanung fortgeschrieben werden.

Bürgermeister Götz fasste am Ende der Veranstaltung zusammen: „Wir stehen am Anfang eines langen Weges. Entscheidend ist, dass wir die Weichen richtig stellen – im Schenkenfeld, aber auch in den übrigen Ortsteilen. So schaffen wir die Grundlage für eine sichere, bezahlbare und klimafreundliche Wärmeversorgung für die kommenden Jahrzehnte.“

Folien zur weiteren INFO:

Nutzung von Flusswasser am Beispiel Mannheim

Fotos Dieter Gürz - Folien Auftragnehmer

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