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60 JAHRE BALTHASAR-NEUMANN-KASERNE - Erinnerungen an das Jahr 1970: Mit dem Haarnetz im Kampf gegen zu lange Haare

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Erinnerungen von Thomas Ruff - Einberufung 1.7.1970 in die FM-Ausbildungskompanie 6/12

Thomas Ruff (zweiter von links, stehend) mit seinem Kameraden von der Gruppe 7 der Fernmelde-Ausbildungskompanie 6/12 im Juli 1970 vor einem Unterkunftsgebäude in der Balthasar-Neumann-Kaserne.

Deutschland im Jahr 1970: Bundeskanzler Willy Brandt setzt mit seinem Kniefall in Warschau ein Zeichen für eine neue Ostpolitik, die DDR rüstet die innerdeutsche Grenze mit Selbstschussanlagen aus und die Terrororganisation RAF gründet sich als Folge der 68er-Studentenproteste.

Es sind unruhige Zeiten, als Thomas Ruff am 1. Juli 1970 in die Balthasar-Neumann-Kaserne in Veitshöchheim einrückte, um Soldat beim Fernmeldebataillon 12 zu werden. Und weil es damals so Mode war, kamen viele Rekruten mit langen Haaren.

„Beim ersten Appell der Ausbildungskompanie 6/12 entdeckte man einen Soldaten mit deutlich zu langen Haaren“, erinnert sich Ruff. Er habe sich geweigert, der Aufforderung zu folgen, zum Friseur zu gehen. „Daraufhin wurde er in die Arrestzelle im Pförtnerhaus gesperrt.“

Doch die Bundeswehr versuchte, dem modischen Empfinden der Jugend gerecht zu werden: Nur ein Jahr nach der Disziplinarmaßnahme wegen zu langer Haare folgte im Frühjahr 1971 der „Haar- und Bart-Erlass“. Die langen Haare durften bleiben, aber „zur Grundausstattung der Dienstkleidung zählten nun Haarnetze, anfänglich sehr dünn, weshalb sie rissen, später dann olivfarbene grobmaschige Strickmützen“, berichtet Ruff, der heute in Freiburg lebt.

Die Haarnetze, die aus Gründen des Arbeitsschutzes zu tragen waren, blieben nicht lange – die Soldaten mochten sie schlichtweg nicht. Der 1972 revidierte Haar- und Bart-Erlass gilt dagegen heute noch – aber lange Haare sind Männern nicht mehr erlaubt: „Die Haare von Soldaten müssen kurz geschnitten sein. Ohren und Augen dürfen nicht bedeckt sein.“

Thomas Ruff, heute 74 Jahre alt und Leutnant der Reserve, hatte sich mit seinen Erinnerungen zufällig bei der Pressestelle der 10. Panzerdivision gemeldet. Ein Schatz, der nun das Archiv bereichert. Das Fernmeldebataillon 12 gibt es nicht mehr – es wurde 1994 mit der 12. Panzerdivision aufgelöst. Stattdessen hat die seit 2014 in Veitshöchheim ansässige 10. Panzerdivision seit 2019 wieder ein Fernmeldebataillon 10. Die Freiräume im von Disziplin geprägten Soldatenalltag hat Ruff übrigens auch bei einer Übung 1972 austestet: Entsprechend dem Haar- und Bart-Erlass beantragte er bei seinem Kompaniechef eine „Ausnahme“, nämlich sich einen Bart wachsen zu lassen. „Ich kann und will sie nicht daran hindern“, sagte der Hauptmann. Und so führte Ruff seinen Fernmeldezug mit einem Bart ins Manöver, wurde einem Schiedsrichter-Stab zugeordnet, für den er die Funkverbindungen sicherstellen sollte, und fiel dort prompt einem Vorgesetzten auf: „Der harschen Kritik des dortigen Offiziers an meinem Bart begegnete ich wortkarg: genehmigt! Wir wurden keine Freunde . . .“

Als Thomas Ruff Soldat wurde, war die Bundeswehr noch jung. 1955 gegründet, war sie erst in den späten 60er Jahren vollständig aufgestellt. Mit der Entscheidung des Verteidigungsministeriums, eine zwölfte Division und damit die letzte der von der NATO geforderten deutschen Divisionen aufzustellen und im Raum Würzburg zu stationieren, trat die Gemeinde Veitshöchheim ins Licht der Bundeswehr-Geschichte.

Auf dem Gelände des Schleehofs, einem aufgegebenen Hofgut unterhalb des Schenkenbergs, entstand die Balthasar-Neumann-Kaserne, die am 1. Oktober 1965 eingeweiht und von den ersten Soldaten des Sanitätsbataillons 12 und des Heeresmusikkorps 12 bezogen wurde.

Das 60-jährige Bestehen des Bundeswehr-Standortes Veitshöchheim feiert die Truppe am 12. November mit einer Ausstellung, einem Platzkonzert des Heeresmusikkorps und einem Festakt in den Mainfrankensälen. Für die Ausstellung in Veitshöchheim zur Geschichte der Balthasar-Neumann-Kaserne sucht die 10. Panzerdivision nun Fotos und Erinnerungen ehemaliger Soldaten, wie die von Thomas Ruff, die einen Einblick geben in den Soldatenalltag und besondere Ereignisse im Laufe der vergangenen 60 Jahre geben (siehe nachstehender Link).

Antreten zum Tag der offenen Tür im Oktober 1971: Soldaten des Fernmeldebataillons 12 mit ihrem Kommandeur auf dem Appellplatz der Balthasar-Neumann-Kaserne.

Zuschauer beim Appell zum Tag der offenen Tür im Oktober 1971: Zahlreiche Veitshöchheimer besuchen die Balthasar-Neumann-Kaserne.

Beim Tag der offenen Tür im Oktober 1971 wird auf dem großen Exerzierplatz in der Balthasar-Neumann-Kaserne Großgerät ausgestellt, das heute längst nicht mehr im Einsatz ist: ein Raketenwerfer LARS-1, ein Artilleriegeschütz M 107 auf Selbstfahrlafette und eine Panzerhaubitze M 109 mit kurzem Rohr – vermutlich alle vom Artillerieregiment 12 aus Tauberbischofsheim.

Fotos 1-4 Thomas Ruff

Tag der offenen Tür 1971: Junge Veitshöchheimerinnen beobachten eine Panzerverladung. Foto: Bundeswehr / Archiv 12. PzDiv

Erinnerungen von Dieter Gürz - Einberufung 1.1.1970 in die FM-Ausbildungskompanie 6/12

Noch heute hat Dieter Gürz die Bilder seiner Bundeswehrzeit lebhaft vor Augen: Zum 1. Januar 1970 wurde er zur 18-monatigen Wehrpflicht einberufen. Die Grundausbildung absolvierte er in der Fernmelde-Ausbildungskompanie 6/12 im  ersten Zug (auf dem Foto 3. Reihe 2.v.l.).

„Es war sehr ärgerlich, dass ich meine fünfjährige Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst unterbrechen musste“, erzählt er. Zwei Jahre hatte er bis dahin bereits als Dienstanfänger vor dem 18. Lebensjahr und ein Vierteljahr als Regierungsinspektoranwärter gearbeitet. Durch die Einberufung verzögerte sich seine spätere Ernennung zum Regierungsinspektor um zwei Jahre.

Was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, sind der viele Schnee – und der Humor der Kameraden. „Das gesamte Vierteljahr der Grundausbildung lag ununterbrochen Schnee“, erinnert sich Gürz. „Schon am Tag der Einberufung, dem 5. Januar, schneite es so heftig, dass mein Fiat 600 am Abend völlig eingeschneit war.“

Auch bei einer dreitägigen Übung im Gramschatzer Wald im Februar 1970 machte der Winter den jungen Soldaten zu schaffen. Übernachtet wurde in Zelten, und „es war unmöglich, die gefrorenen Stiefel auszuziehen“.

Dennoch gab es auch heitere Momente: „Die Kameraden waren immer zu Späßen aufgelegt“, sagt Gürz (rechts)

Ein Foto zeigt ihn schlafend mit einer Zeitschrift in der Hand – aufgenommen in der Stube während der Grundausbildung. „Es ging nicht immer ernst zu.“

Nach der Grundausbildung wurde Gürz als Schirrmeistergehilfe in die 1. Fernmeldekompanie versetzt, zunächst unter Hauptmann Teslau und Spieß Otto. Als Hauptgefreiter war er für Fahrbefehle und Werkstattaufträge zur Instandsetzung der Fahrzeuge zuständig. „Teilweise war ich monatelang auf mich allein gestellt, bis der neue Schirrmeister Bauermees den in Ruhestand gegangenen Wulf ablöste.“

Auch das Manöver im Mai 1970 in Grafenwöhr im Lager „Normandie“ ist ihm noch präsent.

Fotos Archiv Dieter Gürz

 

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W
Lieber Herr Gürz, beim Lesen des Artikels muss ich sofort an den 11.06.2015 denken: da haben wir den 50. Geburtstag unserer BNK groß gefeiert! Es war ein schönes Frst damals (und meine erste Großveranstaltung in Veitshöchheim). Ich denke immer wieder gern an die schönen Jahre in Franken zurück und grüße Sie sehr herzlich! Ihr Wolf-Dietrich Rupp (gespiegelter stvDivKdr von 2015 - 2018)
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