Vom ersten Schraubenzieher bis zum Umweltpreis: Wie das Repair Café Veitshöchheim zur Erfolgsgeschichte wurde
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Was 2014 mit einer Idee, einem Werkraum und einer Handvoll begeisterter Tüftler begann, ist heute eine feste Institution in Veitshöchheim. Zweimal im Jahr werden Elektrogeräte auseinandergenommen, Kleidungsstücke genäht, Fahrräder wieder flottgemacht und vermeintlich ausgediente Dinge vor dem Müll bewahrt. Beim 20. Repair Café im März 2026 wurde ein kleines Jubiläum gefeiert, beim 21. Treffen im September folgte ein weiterer Höhepunkt: der 1. Umweltpreis der Gemeinde Veitshöchheim. Einer, der diese Entwicklung von Anfang an begleitet und entscheidend geprägt hat, ist Daniel Schiel. Im Gespräch blickt der Elektroingenieur auf die Anfänge, besondere Reparaturen und eine Gemeinschaft zurück, bei der längst mehr entstanden ist als eine Reparaturwerkstatt.
„Ich habe mich eingelesen – und dann kam die Idee“
Herr Schiel, inzwischen hat das Veitshöchheimer Repair Café seine 21. Ausgabe erlebt. Erinnern Sie sich noch daran, wie alles angefangen hat?
Daniel Schiel: Ja, natürlich. Die Idee kam 2014 auf. Damals war Jochen Spieß Klimaschutzmanager der Gemeinde. Ich hatte von der Repair-Café-Bewegung erfahren, mich eingelesen und fand das Konzept interessant. Ich wusste aber zunächst nicht, wie man so etwas mit Räumlichkeiten und Organisation überhaupt in Bewegung setzt. Über den Kontakt zur Gemeinde ergab sich schließlich die Möglichkeit, den Werkraum der Grundschule zu nutzen. So konnten wir starten.
Sie hatten also bereits einen technischen Hintergrund?
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Ja. Ich bin Elektroingenieur und hatte vorher auch eine Elektroausbildung gemacht. Nach der Schule wollte ich zunächst etwas Praktisches machen. Basteln und Löten gehörten für mich ohnehin dazu. Später habe ich unter anderem große Photovoltaikanlagen geplant und mich selbstständig gemacht. Das Technische war also schon immer mein Bereich.
3. Mai 2014: Der erste Versuch wird zum Erfolg
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Am 3. Mai 2014 fand dann das erste Repair Café statt. Hatten Sie damit gerechnet, dass die Idee so gut angenommen wird?
Nein, das konnte damals niemand wissen. Wir waren zunächst froh, dass die Gemeinde uns unterstützte und wir überhaupt geeignete Räume hatten. Dann wurde öffentlich nach Helfern gesucht. So kamen nach und nach Leute dazu. Bei manchen war es sogar die Frau, die gesagt hatte: „Geh da mal hin, das ist doch was für dich.“
Und aus diesem ersten Aufruf entstand ein Team, das teilweise bis heute besteht?
Genau. Einige sind tatsächlich seit dem ersten Tag dabei. Das ist schon bemerkenswert.
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Die Premiere zeigte sofort, dass es Bedarf gab: Rund 60 Reparaturen wurden beim ersten Repair Café angenommen. Etwa drei Viertel davon waren Elektrogeräte. Hinzu kamen Fahrräder, Kleidung und andere Gegenstände. 36 Reparaturen gelangen vollständig, weitere zumindest teilweise.
Damit war der Grundstein gelegt.
„Es kommt wirklich alles Mögliche“
Was landet heute auf den Reparaturtischen?
Eigentlich alles Mögliche. Es gibt auch saisonale Wellen. Im Frühjahr kommen beispielsweise mehr elektrische Gartengeräte und Heckenscheren. Die werden aus dem Keller oder der Garage geholt und dann stellt man fest: Da war doch im vergangenen Jahr etwas kaputt.
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Im Herbst hatten wir schon Termine, bei denen plötzlich vier oder fünf Staubsauger dastanden. Häufig ist es etwas vergleichsweise Einfaches, ein Kabel oder ein Stecker. Kaffeemaschinen kommen ebenfalls regelmäßig. Akkugeräte spielen inzwischen eine große Rolle, weil heute viel mehr Geräte mit Akkus statt mit Kabeln betrieben werden.
Sogar ein Auto stand schon vor der Tür
Gab es in all den Jahren eine Reparatur, an die Sie sich besonders erinnern?
Wir hatten tatsächlich einmal ein Auto vor der Tür stehen. Das ist für ein Repair Café natürlich sehr ungewöhnlich und eigentlich auch nichts, was wir regulär leisten können. Zufällig war an diesem Tag aber ein Gasthelfer dabei, der sich mit Steuergeräten auskannte. Der Fehler konnte ziemlich genau eingegrenzt werden. Das war schon eine besondere Geschichte.
Oft sind es vermutlich weniger spektakuläre Dinge, die den Besitzern trotzdem viel bedeuten?
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Absolut. Gerade ältere Menschen bringen Gegenstände mit, an denen sie hängen – zum Beispiel alte Uhren oder ältere technische Geräte. Und Näharbeiten werden immer wichtiger. Kleidung wird heute schnell weggeworfen, obwohl sich vieles noch reparieren, kürzen oder verlängern lässt.
Reparieren heißt auch: verstehen, warum etwas kaputt ist
Genau darin liegt bis heute ein Kern des Veitshöchheimer Konzepts: Das Repair Café ist keine kostenlose Reparaturwerkstatt, bei der ein kaputter Gegenstand abgegeben und später wieder abgeholt wird.
Die Besitzer sollen möglichst dabei sein, mitmachen und verstehen, wo der Fehler liegt.
Ist das für Sie genauso wichtig wie die eigentliche Reparatur?
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Ja. Das gehört dazu. Wir suchen gemeinsam nach dem Fehler und versuchen, eine Lösung zu finden. Manchmal können wir etwas sofort reparieren, manchmal fehlt ein Ersatzteil. Dann suchen wir mit dem Besitzer beispielsweise schon das richtige Teil heraus. Er bestellt es und kommt beim nächsten Repair Café wieder. Dann bauen wir es gemeinsam ein.
Trotz der begrenzten Ersatzteile gelingt es immer wieder, rund 60 Prozent der mitgebrachten Dinge direkt bei der Veranstaltung zu reparieren.
Manchmal sind es Bauteile für ein oder zwei Euro
Lohnt sich Reparieren wirtschaftlich überhaupt noch?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Ich hatte beispielsweise ein Netzteil einer Xbox. Es war nicht einmal ein Original-Netzteil. Wir haben hineingeschaut und festgestellt, dass drei Kondensatoren defekt waren. Ein vernünftiger Kondensator kostet vielleicht ein oder zwei Euro. Wir haben sie eingelötet – und das Netzteil funktionierte wieder wie am ersten Tag.
Das Entscheidende ist häufig die Erfahrung. Wenn man weiß, wo man suchen muss, kann ein vermeintlich defektes Gerät mit wenigen Handgriffen wieder funktionieren.
Vom Werkraum zur festen Institution
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Aus dem Experiment von 2014 entwickelte sich über die Jahre ein fester Bestandteil des Veitshöchheimer Gemeindelebens. Abgesehen von der Corona-Pause findet das Repair Café zweimal jährlich statt.
Beim 20. Repair Café am 28. März 2026 kamen 55 Besucher mit mindestens 57 Reparaturaufträgen in die Aula der Eichendorffschule. 76 Prozent der Gegenstände waren Elektrogeräte. 48 Prozent konnten unmittelbar erfolgreich repariert werden, bei weiteren 19 Prozent fehlten noch Ersatzteile.
Beim 21. Repair Café am 26. September 2026 waren es zwar nur 25 Besucher, diese brachten jedoch 49 Gegenstände mit. Die Erfolgsquote stieg auf 63 Prozent, weitere 23 Prozent der Reparaturen waren zumindest teilweise erfolgreich.
Auffällig war diesmal der hohe Anteil an Kleidung: 37 Prozent der Aufträge waren Näharbeiten, 45 Prozent betrafen elektrische oder elektronische Geräte.
„Wenn alle unter Wasser sind, macht es keinen Spaß mehr“
Gab es auch Momente, in denen der Erfolg zum Problem wurde?
Ja. Wir hatten einmal einen Termin, an dem es extrem voll war. Da waren praktisch alle Helfer unter Wasser und es wurde fast auf Akkord geschraubt. Dann merkt man: Das kann niemand an einem Samstag in seiner Freizeit dauerhaft leisten. Die Besucher mussten lange warten und waren teilweise natürlich auch genervt.
Seitdem schauen wir am Empfang stärker darauf, wie lang die Warteschlange wird. Denn am Ende muss es für die Helfer auch Spaß machen.
Mehr Elektrohelfer – und kein Nachwuchsproblem
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Gerade bei Elektrogeräten braucht es Fachwissen. Schließlich muss am Ende auch beurteilt werden können, ob ein repariertes Gerät sicher wieder mitgegeben werden kann.
Wie sieht es heute mit Helfern aus?
Was sich wirklich sehr gut entwickelt hat, ist die Zahl der Elektrohelfer. Das ist wichtig, weil Elektrogeräte einen großen Teil der Reparaturen ausmachen. Früher war es teilweise schwierig, genügend Fachleute dafür zu finden.
Im Moment haben wir erfreulicherweise auch kein Nachwuchsproblem. Es kommen immer wieder neue Leute zu unseren Stammtischen, stellen sich vor und schauen erst einmal, ob das etwas für sie wäre. Unter den Helfern sind durchaus auch jüngere Leute.
Aus Helfern werden Freunde
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Dabei ist in zwölf Jahren etwas entstanden, das sich kaum in einer Reparaturstatistik ausdrücken lässt.
Aus dem Helferkreis entwickelte sich eine Gemeinschaft. Es gibt Stammtische, ein Sommerfest und Kontakte weit über die eigentlichen Repair-Café-Termine hinaus.
Ist dieser soziale Aspekt inzwischen genauso wichtig wie das Reparieren?
Auf jeden Fall. Viele unserer Helfer schrauben zu Hause viel und haben dort gar nicht unbedingt den Austausch mit anderen. Beim Repair Café treffen sie Gleichgesinnte.
Wir versuchen, etwa drei Stammtische und ein Sommerfest im Jahr zu machen. Und auch während des Repair Cafés gehört das Zusammensitzen dazu. Vorne gibt es Kaffee und Kuchen, die Leute überbrücken dort die Wartezeit, treffen Bekannte und unterhalten sich. Das ist genauso, wie ein Repair Café eigentlich sein soll.
Die Kehrseite: Alles muss morgens hin – und abends wieder zurück
Ein Wunsch ist über die Jahre allerdings geblieben: ein fester Ort.
Denn vor jedem Repair Café beginnt für die Organisatoren und Helfer eine kleine logistische Operation.
Was bedeutet das konkret?
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Wir müssen morgens alles in die Autos packen, hinbringen, aufbauen und nach der Veranstaltung um 17 Uhr wieder einpacken, nach Hause fahren und dort erneut verstauen. Das ist ein erheblicher Aufwand.
Deshalb können wir beispielsweise auch kein großes Ersatzteillager vorhalten. Wir bringen hauptsächlich Standardsachen mit, von denen wir wissen, dass sie regelmäßig gebraucht werden: Netzstecker, Kabel, Kondensatoren, Sicherungen, Schrauben und ähnliches.
Ein eigener dauerhafter Raum würde manches erleichtern. Zugleich weiß Schiel, dass damit neue Verpflichtungen verbunden wären. Ein regelmäßiges wöchentliches oder monatliches Angebot könne das ehrenamtliche Kernteam derzeit nicht stemmen.
Gemeinde nimmt den Helfern einen Teil der Arbeit ab
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Umso wichtiger ist für Schiel die Unterstützung durch die Gemeinde und Klimaschutzmanager Jan Speth. Er stimmt die Termine mit der Schule ab, kümmert sich um organisatorische Fragen und sorgt gemeinsam mit Schule und Hausmeistern dafür, dass die Voraussetzungen stimmen.
Wie wichtig ist dieses Zusammenspiel?
Das ist einfach super. Die Last verteilt sich dadurch so, dass sie für uns Helfer überschaubar bleibt. Um die Organisation des Raumes müssen wir uns beispielsweise nicht kümmern. Jan Speth ist morgens schon da, Bänke werden bereitgestellt – dieses Zusammenspiel könnte eigentlich nicht besser sein.
1. Umweltpreis für zwölf Jahre gelebte Nachhaltigkeit
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Eine besondere Anerkennung folgte am 26. September 2026. Unmittelbar vor dem 21. Repair Café wurde die Initiative mit dem 1. Umweltpreis der Gemeinde Veitshöchheim 2026 ausgezeichnet.
2.200 Euro Preisgeld gingen an das Repair Café. Für die Gruppe nahmen Erika Duwe-Weinhold und Daniel Schiel die Auszeichnung entgegen.
Gewürdigt wurde damit nicht nur das Reparieren selbst, sondern das langjährige ehrenamtliche Engagement für Ressourcenschonung, Abfallvermeidung und den Grundgedanken „Reparieren statt wegwerfen“.
Das Preisgeld soll auch den Helfern zugutekommen. Benötigtes Werkzeug kann ergänzt werden, zugleich möchte das Team einen Teil dafür nutzen, einmal gemeinsam zusammenzukommen, ohne dass Helfer selbst einkaufen, vorbereiten oder organisieren müssen.
Neue Kooperation mit team orange
Mit dem Umweltpreis fällt zugleich eine weitere Entwicklung zusammen: Das Repair Café arbeitet inzwischen mit team orange und dem Wertstoffhof zusammen.
Dort landen immer wieder Gegenstände, die noch funktionieren oder zumindest wertvolle Ersatzteile enthalten. Genau solche Teile fehlen den Reparaturhelfern häufig.
Durch die Kooperation können geeignete Gegenstände und Ersatzteile übernommen werden. So können beispielsweise ausgediente Kaffeemaschinen als Ersatzteilspender dienen – oder mit den passenden Teilen selbst wieder ein zweites Leben bekommen.
Damit schließt sich ein Kreis: Was andernfalls möglicherweise entsorgt würde, wird zur Grundlage für die nächste erfolgreiche Reparatur.
„Hauptsache, es macht Spaß“
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Nach zwölf Jahren: Brennen Sie noch immer für die Idee?
Ja. Wir haben erst kürzlich wieder darüber gesprochen: Hauptsache, es macht Spaß. Wir haben Freude daran, gemeinsam mit den Leuten Dinge zu reparieren. Genau deshalb darf es auch nicht dazu kommen, dass die Helfer nur noch unter Druck arbeiten.
Und was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
Wir freuen uns natürlich immer über neue Helfer. Im Moment läuft es wirklich gut. Entscheidend ist, dass sich die Arbeit auf viele Schultern verteilt und die Freude daran erhalten bleibt.
Aus einer Reparaturidee wurde eine Gemeinschaft
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Zwölf Jahre, 21 Repair Cafés und ein Umweltpreis später ist aus der Idee von 2014 weit mehr geworden als eine Gelegenheit, einen kaputten Staubsauger oder eine alte Nähmaschine wieder zum Laufen zu bringen.
Das Veitshöchheimer Repair Café verbindet Ressourcenschonung mit praktischem Wissen, ehrenamtliches Engagement mit Geselligkeit und technische Erfahrung mit der Bereitschaft, sie weiterzugeben.
Manchmal braucht es dafür einen Elektroingenieur. Manchmal einen Nähprofi. Manchmal jemanden, der weiß, welcher Kondensator für zwei Euro aus einem vermeintlichen Elektroschrott wieder ein funktionierendes Gerät macht.
Und manchmal braucht es einfach jemanden, der 2014 sagt: Warum probieren wir es nicht aus?
Aus diesem Versuch sind inzwischen zwölf Jahre Repair Café Veitshöchheim geworden.
Fotos Dieter Gürz