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Wildwuchs an der Martinskapelle: Zwischen historischem Flair und lästigem Samenflug

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Historisches Kleinod: Der Alte Friedhof an der Martinskapelle begeistert mit seinem besonderen Ambiente – der zunehmende Wildwuchs sorgt jedoch für Diskussionen.

 
Beschwerden über zunehmenden Wildwuchs

Aufgelassene Grabflächen: Wo früher Grabstätten gepflegt wurden, breiten sich heute Wildkräuter aus.

Beim Presseberichterstatter häufen sich die Beschwerden: Von „unhaltbaren Zuständen“, „Verwilderung“ und einer „Schande für den Ort“ ist die Rede. Für die Beschwerdeführer ist der alte Friedhof ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Ruhe, zudem ein Gradmesser dafür, wie viel Respekt eine Gemeinde ihren Verstorbenen und deren Angehörigen entgegenbringt. 

Besonders betroffen sind Gräber, deren Nutzungsrechte abgelaufen sind und die von den Angehörigen bereits geräumt wurden. Da sich immer mehr Menschen für eine Urnenbestattung entscheiden, wächst die Zahl dieser gemeindeeigenen Freiflächen kontinuierlich.

Die nachstehende Fotodokumentation zahlreiche Bereiche, in denen aufgelassene Grabflächen stark von Wildkräutern überwachsen sind.


Samenflug sorgt für Ärger

Vor allem Besitzer gepflegter Nachbargräber fühlen sich dadurch benachteiligt. „Wir investieren viel Zeit, Geld und Arbeit in unsere Grabpflege. Von den freien Flächen wehen die Samen direkt auf unsere Gräber“, beklagte ein Friedhofsbesucher im Gespräch mit dem Berichterstatter.

Aufgelassene Grabflächen: Wo früher Grabstätten gepflegt wurden, breiten sich heute Wildkräuter aus.

Insbesondere Disteln und andere Wildkräuter bereiten vielen Sorgen. Sie befürchten, dass sich die Pflanzen auf die liebevoll angelegten Grabstätten ausbreiten. Entsprechend laut werden Forderungen nach einer intensiveren Pflege durch die Gemeinde.


Andere Bürger begrüßen die naturnahe Entwicklung

Nicht alle teilen diese Kritik.  „Uns stört das überhaupt nicht. Das ist ein Stück Natur mitten im Ort“, sagte ein Ehepaar.


Friedhöfe als Visitenkarte der Gemeinde

Brisant wird die Diskussion auch deshalb, weil Bürgermeister Jürgen Götz und der Gemeinderat die Friedhöfe regelmäßig als „Visitenkarte der Gemeinde" bezeichnen. Viele Bürger sehen derzeit jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen diesem Anspruch und dem Zustand einzelner Bereiche des Alten Friedhofs.


Bauhof arbeitet an der Belastungsgrenze

Wandel der Bestattungskultur: Immer mehr aufgelassene Grabflächen erhöhen den Pflegeaufwand für den Bauhof erheblich.

Die Mitarbeiter des Bauhofs stehen dabei selbst vor großen Herausforderungen. Seit dem gesetzlichen Verbot chemischer Pflanzenschutzmittel auf öffentlichen Flächen muss Wildkraut ausschließlich mechanisch, thermisch oder per Hand entfernt werden. Diese Verfahren sind deutlich zeitaufwendiger als der frühere Einsatz von Herbiziden. Erschwerend kommt hinzu, dass mit jeder aufgegebenen Grabstätte zusätzliche Pflegeflächen entstehen. Während früher Angehörige ihre Gräber selbst unterhielten, fällt die Unterhaltung der aufgelassenen Flächen heute vollständig der Gemeinde zu – bei unveränderter Personalstärke. Wie von einem Gemeindegärtner zu erfahren war, wurde deshalb schon vor Wochen eine Gartenbaufirma beauftragt, die Wege durch Abflammen von Wildwuchs zu befreien und dabei auch das Unkraut auf den aufgelassenen Grabstellen abzuräumen.


Strukturwandel verändert den Friedhof

Der Alte Friedhof befindet sich ohnehin in einem tiefgreifenden Wandel. Mehr als 90 Prozent aller Bestattungen erfolgen inzwischen als Urnenbeisetzungen. Frei werdende Erdgrabflächen werden deshalb zunehmend umgestaltet, anstatt erneut mit klassischen Grabstätten belegt zu werden.

Bereits erweitert wurde die bestehende Urnenanlage im Alten Friedhof um 52 zusätzliche Kammern. Gleichzeitig entstehen rund um die Martinskapelle Aufenthaltsbereiche mit Sitzbänken, barrierefreie Wasserstellen sowie neue Baumpflanzungen, die Schatten spenden und zur Klimaanpassung beitragen sollen.

Historisch wertvolle Grabdenkmäler sowie die denkmalgeschützte Bruchsteinmauer bleiben erhalten und werden als prägende Elemente in die Gestaltung integriert. Ziel ist es, den historischen Charakter des Friedhofs zu bewahren und zugleich auf die veränderte Bestattungskultur zu reagieren.


Denkmalschutz und moderne Friedhofsplanung

Beim Waldfriedhof wurde das landschaftliche Konzept „Lebensfluss" des in Veitshöchheim ansässigen Landschaftsarchitekten und Ortschronisten Thomas Struchholz umgesetzt. Nach dessen Meinung bedarfs es im Alten Friedhof eines Konzepts, wie die freiwerdenden Grabstellen durch Umsetzung mit einander verbunden werden können, um  langfristig den historische Friedhof zu einem ruhigen, meditativen Bürgerpark mit Bestattungscharakter weiter zu  entwickeln, ohne seinen geschichtlichen Wert zu verlieren. Zum alten Friedhof hat Struchholz einen besonderen Bezug, begleitet er doch das erstmals 1202 urkundlich erwähnte historische Kleinod der Martinskapelle seit 1975 ehrenamtlich als Kustor.


Hintergrund: Warum wächst das Unkraut so stark?

Mehrere Faktoren tragen zur aktuellen Situation bei:

  • Der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel ist auf öffentlichen Flächen gesetzlich verboten.
  • Wildkraut muss mechanisch, thermisch oder von Hand entfernt werden – ein hoher Personalaufwand.
  • Der Trend zur Urnenbestattung führt zu immer mehr aufgelassenen Grabflächen.
  • Diese Flächen müssen vollständig von der Gemeinde gepflegt werden.

Fazit

Der Alte Friedhof an der Martinskapelle steht beispielhaft für den Wandel der Friedhofskultur. Zwischen historischem Ambiente, ökologischen Ansprüchen, Denkmalschutz und dem Wunsch vieler Bürger nach einem gepflegten Erscheinungsbild prallen unterschiedliche Erwartungen aufeinander.

Die Diskussion um den Wildwuchs zeigt, dass langfristig ein schlüssiges Pflege- und Entwicklungskonzept gefragt ist – eines, das sowohl dem historischen Wert der Anlage als auch den berechtigten Erwartungen der Bürger gerecht wird.

Weitere Fotos dokumentieren die aktuelle Situation:
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
Fotos Dieter Gürz
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Fotos Dieter Gürz
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Fotos Dieter Gürz

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