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Lesung am EU-Mittelpunkt: Eberhard Schellenberger wirbt in Gadheim für Frieden, Demokratie und ein geeintes Europa

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Ein Abend gegen das Vergessen

Der EU-Mittelpunkt bei Gadheim wurde am Dienstagabend zu einem Ort der Erinnerung und zugleich zu einem eindringlichen Appell für die Gegenwart. Rund 40 Besucher erlebten dort eine außergewöhnliche Lesung mit dem ehemaligen BR-Journalisten Eberhard Schellenberger, vielen Menschen in der Region über Jahrzehnte als „die Stimme Mainfrankens“ bekannt.

Der frühere Leiter des BR-Studios Würzburg stellte sein Buch „Deckname Antenne“ vor – doch schnell wurde deutlich, dass es dabei um weit mehr ging als um die Geschichte seiner eigenen Stasi-Akten. Es ging um die Frage, was die Erfahrungen der deutschen Teilung heute noch bedeuten und warum Freiheit, Demokratie und Frieden niemals selbstverständlich sind.


Symbolträchtiger Ort im Herzen Europas

Dass die Lesung ausgerechnet am EU-Mittelpunkt stattfand, war bewusst gewählt. Zwischen der farbenfrohen Blühwiese und dem markanten Mittelpunkt-Stein erinnerte Gastgeberin Karin Keßler gemeinsam mit Mitorganisatorin Angelika Goj daran, weshalb dieser Platz weit mehr sei als eine touristische Sehenswürdigkeit.

Der EU-Mittelpunkt bilde den idealen Rahmen für einen Abend über Freiheit, Demokratie und die Verletzlichkeit offener Gesellschaften. Deshalb habe man Schellenberger eingeladen, dessen Lebensgeschichte beispielhaft zeige, was Überwachung und Unfreiheit bedeuten.

Gleichzeitig verwiesen beide auf die Blühwiese, die dort seit einigen Jahren wächst. Ihre Vielfalt stehe sinnbildlich für Europa – bunt, unterschiedlich und doch miteinander verbunden.


"Ich bin glühender Europäer"

Schellenberger griff diesen Gedanken sofort auf. "Als die Idee kam, musste ich nicht lange nachdenken. Ich bin glühender Europäer." Für ihn sei der EU-Mittelpunkt ein Symbol für das zusammengewachsene Europa. Zwar sei dieser Ort erst durch den Brexit entstanden, doch gerade deshalb erinnere er daran, wie wertvoll europäische Zusammenarbeit sei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten nicht nur Städte in Trümmern gelegen, sondern auch das Vertrauen zwischen den Völkern. Dass ehemalige Erzfeinde wie Deutschland und Frankreich den Mut zur Versöhnung fanden, gehöre für ihn zu den größten politischen Leistungen des vergangenen Jahrhunderts. "Europa ist mehr als ein geografischer Raum", machte Schellenberger deutlich. "Europa ist ein Friedensversprechen."


Vom jungen Reporter zur Zielscheibe der Stasi

Im Mittelpunkt des Abends standen Schellenbergers persönliche Erinnerungen. Aufgewachsen im unterfränkischen Zeil am Main, nur wenige Kilometer von der damaligen innerdeutschen Grenze entfernt, lernte er früh Menschen in der DDR kennen. Seine Eltern pflegten Freundschaften in der Lausitz.

Als junger Journalist reiste er ab 1984 mehrfach privat und beruflich in die DDR. Bereits beim ersten Besuch wurde die Staatssicherheit auf ihn aufmerksam. Zunächst entstand eine Akte unter dem Namen "Journalist". Später legte die Stasi in Suhl eine zweite Akte an – unter dem Decknamen „Antenne“.

Von da an wurden seine Telefonate, seine Rundfunkberichte, seine Reisen und zahlreiche Begegnungen systematisch überwacht und dokumentiert. Mehr als 400 Seiten umfasst diese Akte.


Eine perfide Welt der Bespitzelung

Mit großer Ruhe schilderte Schellenberger die absurde Bürokratie des Überwachungsapparates. Jede Kleinigkeit sei festgehalten worden. Selbst harmlose Gespräche oder Restaurantbesuche hätten Eingang in die Akten gefunden.

Dabei betonte er ausdrücklich: "Ich fühle mich überhaupt nicht als Stasi-Opfer." Er habe keinerlei persönliche Nachteile erlitten. Viel wichtiger sei ihm zu zeigen, wie perfide dieses System funktionierte und wie selbstverständlich Menschen überwacht wurden. Bewusst verzichte er deshalb heute darauf, die Klarnamen ehemaliger Spitzel zu veröffentlichen. Über 35 Jahre nach dem Ende der DDR gehe es ihm nicht um Abrechnung, sondern um Aufklärung.


Chronist der Friedlichen Revolution

Besonders lebendig wurden seine Schilderungen der Monate vor dem Mauerfall. Durch die Städtepartnerschaft Würzburg–Suhl und zahlreiche Reisen erlebte er unmittelbar, wie sich die Stimmung in der DDR veränderte. Die Friedensgebete wurden voller. Immer mehr Menschen gingen auf die Straße. Der Ruf "Wir sind das Volk" verbreitete sich von Stadt zu Stadt. Schellenberger durfte diese Entwicklung als Reporter begleiten. Er sprach von einem historischen Glück, Weltgeschichte direkt vor der Haustür miterlebt zu haben.


Die bewegendste Reportage seines Lebens

Mit sichtbarer Emotion erinnerte sich der langjährige BR-Reporter an die Nacht der deutschen Wiedervereinigung. Am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen berichtete er damals live für den Bayerischen Rundfunk. Tausende Menschen feierten gemeinsam den 3. Oktober 1990. "Es war die berührendste Reportage meines gesamten Reporterlebens", sagte er. Noch heute bekomme er Gänsehaut, wenn er daran denke.

Als besonderes Erinnerungsstück präsentierte Schellenberger eine originale DDR-Grenzfahne. Sie war einst am Grenzübergang befestigt gewesen und wurde ihm kurz vor der Wiedervereinigung von einem Grenzbeamten übergeben. Heute wehte sie ausgerechnet am EU-Mittelpunkt bei Gadheim.


Das Wunder von 1989

Immer wieder lenkte Schellenberger den Blick auf das eigentlich Außergewöhnliche der Friedlichen Revolution. Revolutionen seien in der Geschichte meist mit Gewalt verbunden gewesen. 1989 jedoch sei etwas gelungen, was kaum jemand für möglich gehalten habe. Millionen Menschen hätten Mut bewiesen. Dennoch habe es keinen Bürgerkrieg gegeben. Kein Blutbad. Keinen Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt.

"Wir sollten dafür Dankbarkeit und Demut zeigen", sagte er. Gerade die Menschen in Unterfranken und Südthüringen hätten damals auf einem Pulverfass gelebt. Erst später sei vielen bewusst geworden, wie nah die Region im Kalten Krieg tatsächlich an einem möglichen militärischen Konflikt lag.


Geschichte mit bedrückender Aktualität

Der wohl eindrucksvollste Teil des Abends war der Brückenschlag zur Gegenwart. Schellenberger erinnerte daran, dass er das Manuskript seines Buches Anfang 2022 abgeschlossen hatte. Nur wenige Wochen später begann mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wieder ein Krieg mitten in Europa. Dadurch hätten seine Lesungen eine völlig neue Aktualität erhalten.

"Geschichte kann kippen", sagte er. Gerade heute, in einer Zeit neuer Kriege, wachsender Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung, werde deutlich, wie zerbrechlich Frieden und Demokratie seien.

Seit Erscheinen seines Buches sei er inzwischen bei 161 Lesungen unterwegs gewesen – in Bayern, Thüringen, Hessen und Berlin, besonders auch an Schulen. Immer wieder erlebe er, dass junge Menschen kaum glauben könnten, wie umfassend Menschen damals überwacht wurden. Umso wichtiger sei es, darüber zu sprechen.


Europa als Friedensversprechen

Seine Botschaft war eindeutig. Die Europäische Union sei nicht in erster Linie ein wirtschaftliches Projekt. Sie sei aus dem Willen entstanden, Kriege dauerhaft unmöglich zu machen. Gerade deshalb passe der EU-Mittelpunkt als Veranstaltungsort so gut. Die Erinnerung an Mauerfall, Friedliche Revolution und Wiedervereinigung sei keine nostalgische Rückschau. Sie sei eine Mahnung, Demokratie zu schützen und Freiheit aktiv zu verteidigen.


Spende statt Honorar

Zum Abschluss überraschten Angelika Goj und Karin Keßler den Autor. Da Schellenberger auf ein Honorar verzichtet hatte, kündigten sie an, stattdessen an die Point Alpha Stiftung zu spenden. Die Gedenkstätte an der früheren innerdeutschen Grenze erinnert bis heute an die Teilung Deutschlands und den Kalten Krieg.

Schellenberger zeigte sich sichtlich bewegt. "Das ist eine super Idee", sagte er und bedankte sich herzlich.

Anschließend warb auch Karin Keßler nochmals für die Blühwiese am EU-Mittelpunkt. Sie solle als lebendiges Symbol für Vielfalt, Natur und ein gemeinsames Europa weiter gepflegt werden.

Am Ende verband sich in Gadheim Geschichte mit Gegenwart auf eindrucksvolle Weise. Die Lesung machte deutlich, dass die Friedliche Revolution von 1989 weit mehr ist als ein Kapitel deutscher Geschichte. Gerade in einer Zeit neuer Kriege und wachsender Unsicherheit bleibt sie ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Freiheit, Demokratie und Frieden niemals selbstverständlich sind – sondern immer wieder neu verteidigt werden müssen.

Text und Fotos Dieter Gürz

 Besuch aus Kalifornien

Eine besondere internationale Note erhielt der Abend durch zwei Gäste aus den USA. Diana und Jeffrey aus Kalifornien machten auf ihrer Deutschlandreise kurz vor Beginn der Lesung Station am EU-Mittelpunkt in Gadheim. Dort trafen sie Eberhard Schellenberger persönlich.

Diana zeigte sich von dessen Lebensgeschichte und dem Buch „Deckname Antenne“ so beeindruckt, dass sie sich vorgenommen hat, das Werk ins Englische zu übersetzen. Gerade die Geschichte der friedlichen Revolution, der deutschen Wiedervereinigung und der Überwachung durch die Staatssicherheit verdiene es, auch einem internationalen Publikum zugänglich gemacht zu werden, erklärte sie.

Das spontane Treffen am symbolträchtigen Mittelpunkt Europas unterstrich einmal mehr, dass Schellenbergers Erinnerungen längst nicht nur von regionalem oder deutschem Interesse sind, sondern Fragen nach Freiheit, Demokratie und Frieden behandeln, die Menschen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bewegen.

Foto: privat/Eberhard Schellenberger

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