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Gemeinderatssitzung: Das historische „Strausenhaus“ soll für 450.000 Euro saniert werden

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Mit dem Wohnhaus in der Thüngersheimer Straße 19, dem sogenannten „Strausenhaus“, befasste sich der Gemeinderat am Dienstagabend mit einem bedeutenden Sanierungsprojekt. Das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert wird in der Denkmalliste als zweigeschossiger, verputzter Mansardhalbwalmdachbau mit Sandsteingliederung über hohem Sockel beschrieben.

Das denkmalgeschützte Gebäude weist erhebliche bauliche Mängel auf. Insbesondere herabfallende Dachziegel vom unteren Walmdach und Putzteile gefährden mittlerweile die Verkehrssicherheit, sodass ein weiteres Aufschieben der Maßnahmen nicht mehr möglich ist.

Schäden auf der Nordfassade, entstanden durch Putzausblühungen (falscher Putz)

Historische Bedeutung und neue Erkenntnisse 📜

Ein Ortsbild prägendes Gebäude im Ensemble des Jüdischen Kulturmuseums mit Synagoge

Das Gebäude, umgangssprachlich „Strausenhaus“ genannt, verdankt seinen Namen der jüdischen Familie Straus, die bis 1937 dort lebte. Errichtet wurde das Wohnhaus vermutlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Schmuhl Moises, einem Vorfahren der Familie. Sein Sohn Abraham – später unter dem Namen Straus bekannt – erbte das Anwesen im Jahr 1790.

Die Familie Straus (auch „Strauß“) betrieb einen florierenden Holz- und Kohlenhandel und gehörte zu den wohlhabenderen Einwohnern Veitshöchheims. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließen viele Familienmitglieder den Ort. Im Jahr 1937 wurde das Haus durch Sali Straus – unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung – für seinen kranken Vater Max an die Gemeinde verkauft.

Teile der Kaufsumme wurden als sogenanntes „Judenvermögen“ beschlagnahmt und erreichten die Eigentümerfamilie nicht. Dieses Vorgehen stellt ein Unrecht dar und gehört zu den nicht rühmlichen Kapiteln der Geschichte. Nach einem zähen Wiedergutmachungsverfahren in den Jahren 1947 bis 1950 wurde ein Vergleich mit den Nachfahren geschlossen. Das Gebäude wurde in der Folgezeit durchgehend zu Wohnzwecken genutzt und in den Jahren 1984/85 umfassend saniert und dem sozialen Wohnungsbau zugeführt. Bis heute dient das „Strausenhaus“ als Wohngebäude und ist zugleich ein bedeutendes, ortsbildprägendes Zeugnis der lokalen Geschichte Veitshöchheims.

Besondere bauhistorische Merkmale unterstreichen die Bedeutung des Hauses:

💧 der im Februar 2026 wiederentdeckte Hausbrunnen im Gewölbekeller ist nach Meinung von Fachleuten eine Mikwe für Gegenstände - eine wissenschaftliche Expertise wird erstellt

✡️ Spuren einer Mesusa am rechten Türgewände ein weitere Hinweis auf die frühere jüdische Nutzung

Geplante Sanierungsmaßnahmen 🔧

Das von Architekt Dominik Weimer (links) vom Planungsbüro Gerber in Werneck mit Modell vorgestellte Sanierungskonzept wurde bewusst auf die notwendigsten Maßnahmen reduziert, um der angespannten Haushaltslage Rechnung zu tragen, gleichzeitig aber eine nachhaltige Sicherung des Gebäudes zu gewährleisten:

🧱 Am deutlichsten wahrnehmbar sind die Schäden an der Fassade: Der geschädigte Bereich ist komplett abzutragen und von Grund auf neu aufzubauen. Die Bereiche ohne Putzschäden sollen aus Kostengründen nur farblich überarbeitet werden. Der Naturstein wird ausgebessert und farblich überarbeitet. Eine Dämmung ist nicht vorgesehen und aufgrund der beachtlichen Außenwandstärken auch nicht erforderlich. 

🏠 Am Dach soll die bei der Sanierung in den 1980er Jahren ausgesparte untere Walmdachfläche komplett saniert und gedämmt werden. Bei der oberen Walmdachfläche müssen lediglich die First- und Gratziegel neu vermörtelt werden. Der geringe Dachüberstand zur Fassade hin soll denkmalgerecht überarbeitet werden, um zukünftige Schäden zu vermeiden.

🪟 Die Fenster sind zwar über 40 Jahre alt, sind aber noch in einem überwiegend guten Zustand. Es handelt sich schon um eine Wärmeschutzverglasung mit sehr gutem U-Wert. Aus Kostengründen sollen diese nur aufbereitet und farblich heller gestrichen werden. Lediglich ein älteres einfachverglastes Fenster im Treppenhaus muss ersetzt werden.

🪟 Die Fensterläden müssen aufbereitet und zukünftig einfarbig gestrichen werden. Einzelne Fensterläden müssen komplett ersetzt werden.

🎨 Es wird ein neues, mit dem Denkmalschutz abgestimmtes freundlicheres und natürlicheres Farbkonzept geben.

🚰Die Trinkwasserverteilung und -leitung im Keller wird erneuert.

🌱  Energetische Verbesserungen: Dämmung der unteren Walmdachfläche, Dämmung der obersten Geschossdecke. Während für das Jüdische Kulturmuseum nebenan auf eine moderne Wärmepumpenanlage umgestellt werden soll, verbleibt es beim "Strausenhaus" bei der bisherigen Gasheizung in den sechs Wohnungen.

Kosten und Förderung 💶

Die Kosten für die Sanierung werden aktuell auf rund 450.545 Euro brutto geschätzt, wobei es sich ausdrücklich um einen Kostenüberschlag handelt. Bei Altbauten sind zusätzliche Aufwendungen nicht auszuschließen.

Aufgrund der historischen und denkmalpflegerischen Bedeutung können mehrere Förderprogramme in Anspruch genommen werden:

  • 🏛️ Zuschüsse im Bereich Denkmalschutz in Höhe von rund 39.500 Euro
  • 🌿 zusätzliche Fördermittel für energetische Maßnahmen (voraussichtlich rund 7.425 Euro)

Die Finanzierung ist auf die Haushaltsjahre 2026 und 2027 verteilt, entsprechende Mittel sind bereits eingeplant.

Beschlusslage

Der Gemeinderat beschloss die Durchführung der Sanierung gemäß dem vorgelegten Konzept. Die Vergabe einzelner Bauleistungen erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt in gesonderten Beschlüssen.

Fazit:

Mit der Sanierung des „Strausenhauses“ wird nicht nur dringend notwendige Bausubstanz gesichert, sondern auch ein bedeutendes Stück Veitshöchheimer Geschichte bewahrt und für die Zukunft erhalten.


 Fotos Dieter Gürz (5) und Hochbau Gemeinde

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