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Mit Trauermarsch, Wehklagen und viel Humor endet in Veitshöchheim die närrische Zeit

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

 Schlappsäue tragen den Fasching 2026 zu Grabe

Wenn am Faschingsdienstag kurz vor Mitternacht der Zug der laut heulenden Schlappsäue, angeführt von den Schlappsaududlern des Musikvereins, mit dem Trauermarsch in b-Moll in den Rathausinnenhof einzieht, dann ist es wieder so weit: Veitshöchheim nimmt Abschied von seiner geliebten Fasenacht.

Mit lautem Wehklagen, Jaulen und Marscmusik zogen die maskierten Lumpengestalten über die Kirchstraße Richtung Rathaus. Manchem Anlieger dürfte das gespenstisch-anmutende Schauspiel kurz vor der Geisterstunde noch einmal aus dem Schlaf gerissen haben. Doch was da durch die Straßen zog, ist kein Spuk, sondern gelebte Tradition – einzigartig und fest verwurzelt im Ort.

Von Haus zu Haus: 100 Schlappsäue unterwegs

Bevor der Fasching 2026 endgültig zu Grabe getragen wurde, waren bereits ab Mittag rund 100 Schlappsäue im Ortsgebiet unterwegs. Bei zwölf Häusern erhielten sie Einlass, um mit Gesang, Musik und ausgelassener Stimmung noch einmal kräftig zu feiern. Auch das Café vom „Eis-Stephan“ sowie der Pfarrhof öffneten am Abend ihre Türen für die närrischen Meuten.

Von deftigen Suppen bis zu reichhaltigen Brotzeiten, dazu Weinschorle und Bier – an Verpflegung mangelte es den vermummten Gestalten nicht. Wer den ganzen Tag von Haus zu Haus zieht, braucht schließlich Stehvermögen. Und das bewiesen die Schlappsäue einmal mehr eindrucksvoll.

Die letzte Station des Abends war traditionell der Hof von „Röhms Michel“ in der Thüngersheimer Straße. Dort versammelte sich die Schar, der Fasching bereits symbolträchtig auf einer Schubkarre gebettet. Von hier aus setzte sich der Trauerzug in Richtung Rathaus in Bewegung.

Debüt am Rednerpult

Im Rathausinnenhof angekommen, wurden unter Wehklagen die letzten Minuten vor Beginn der Fastenzeit zelebriert. Nach zehn Jahren übergab Udo Backmund die Rolle des Trauerredners – und schlüpfte stattdessen selbst in die Figur des sterbenden Faschings. Sein Nachfolger Jan Lyding meisterte sein Debüt souverän. Einige Stimmaussetzer nach einem langen, feucht-fröhlichen Tag wurden ihm vom Publikum großzügig verziehen.

In seiner Trauerrede hieß er – ganz in alter Tradition – im Namen des „Dreigestirns, des Freibiers, des Hütle und des Heiligen Silvaner“ alle „verluderten Saufbrüder, edlen Schlappsäu und alles was sonst noch kreucht und fleucht“ willkommen. Zwischen humorvollen Seitenhieben fanden sich auch aktuelle Wünsche und mahnende Worte: So brachte er unter anderem die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Feuerwehr endlich ihren heiß ersehnten Hubschrauber erhält. Auch die „Marogganer“ sollten, so sein Wunsch, künftig über den neuen Steg sicher auf die Sonnenseite des Lebens gelangen können.

Mehr Lachen als Weinen

Trotz aller Wehklagen überwog am Ende das Lachen. Mit dem Auszugsmarsch Nr. 12 wurde der Fasching schließlich unter großem Hallo zu Grabe getragen. Nun beginnt für alle Narren die Fastenzeit – eine Phase des Kräfte-Sammelns, bis in einem Jahr die fünfte Jahreszeit wieder eingeläutet wird.

266 Tage dauert es nun, bis der Fasching 2026/2027 wieder Einzug hält. Die kommende Session wird kurz: Sie endet bereits am 9. Februar 2027 – und damit noch eine Woche früher als in diesem Jahr.

Ein Brauch, den es nur hier gibt

Die Schlappsäue sind ein Stück Veitshöchheimer Kultur. Wer als Narr etwas auf sich hält, geht am Faschingsdienstag aus Tradition als Schlappsau. Ursprünglich bezeichnete der Begriff einen nachlässig gekleideten Menschen – in Veitshöchheim jedoch ist er ein Ehrentitel.

Eine „echte“ Schlappsau trägt Lampenschirm als Kopfbedeckung, Vorhang als Umhang, dazu Maske und verstellte Stimme. Erkannt werden soll niemand. Ein Brauch, der in dieser Form andernorts kaum zu finden ist. Während die Lumpengestalten früher eher auf der Straße ihr Unwesen trieben, sind sie heute – in Gruppen organisiert – gern gesehene Gäste in vielen Häusern des Ortes.

Die Schlappsäu bedanken sich bei allen Gönnern, die auch in diesem Jahr ihre Türen geöffnet haben – und hoffen, 2027 vielleicht auch neue Häuser erobern zu dürfen.

Wer die wilden, aber durchaus friedlich gesinnten Gestalten am nächsten Faschingsdienstag bei sich aufnehmen möchte, kann sich beim VCC unter praesidium@vcc1966.de melden.

2 Fotos von Tina Röhm 

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