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„Zehn Jahre Inklusion“ – Wie ein kleiner Arbeitskreis Veitshöchheim verändert hat

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Als sich an diesem Nachmittag die Türen des Sitzungssaals öffnen, wirkt der Raum ein wenig feierlicher als sonst. Menschen begrüßen sich herzlich, manche mit alten Geschichten im Blick, manche mit der leisen Freude darüber, nach Jahren des gemeinsamen Einsatzes wieder zusammenzukommen. Es ist kein offizieller Festakt mit großem Protokoll – aber einer, der spürbar von Herzen kommt: Veitshöchheim feiert zehn Jahre Arbeitskreis Inklusion.


Wie alles begann – und warum es nicht bei einer Idee blieb

Vor zehn Jahren hatte Christina Feiler eine einfache, aber entscheidende Überzeugung: Nur wer Barrieren erlebt, kann sagen, wo sie stehen.

Gemeinsam mit Elisabeth Pitz, die als Reha-Fachfrau unzählige Erfahrungen einbrachte, lud sie ein zu diesem ersten Treffen. Ein paar Stühle, ein paar Menschen mit Geh-, Seh- oder Hörbeeinträchtigungen, Angehörige, die viel zu sagen hatten – und ein Ziel: Die Gemeinde sollte ein Ort werden, in dem alle ohne Angst vor Hindernissen leben können.

Damals ahnte niemand, wie viel Kraft diese kleine Runde entwickeln würde.


Der Blick auf den Ort – aus der Perspektive derer, die ihn oft nicht erreichen

  • ☝ Wenn Rollstuhlfahrende vor zu hohen Bordsteinen stoppen müssen.
  • ☝ Wenn blinde Menschen auf Leitstreifen angewiesen sind, die plötzlich von Mülltonnen blockiert werden.
  • ☝ Wenn eine Eingangstür schlicht zu schwer ist, um sie selbstständig zu öffnen.

Viele dieser Alltagsszenen wurden im Arbeitskreis offen gelegt – sachlich, manchmal auch schmerzhaft, immer ehrlich. Und langsam begann sich der Ort zu verändern.


Eine Gemeinde, die sich verändert – Schritt für Schritt, Beschluss für Beschluss

Bürgermeister Jürgen Götz würdigte in seinem Grußwort den Arbeitskreis als Motor eines tiefgreifenden Wandels. Seine Worte gaben der Feier den Rahmen – und machten sichtbar, was in den vergangenen Jahren gewachsen ist.

Er erinnerte an konkrete Erfolge, die heute im Ortsbild spürbar sind:

✔ Barrierefreie Bushaltestellen

Veitshöchheim zählt inzwischen zu den Vorreiter-Kommunen im Landkreis. Viele Haltestellen wurden vollständig barrierefrei gestaltet – ein Meilenstein für mobilitätseingeschränkte Menschen.

✔ Haltestellendisplays mit Tonansagen

Sie erleichtern sehbehinderten Bürgern den Alltag erheblich.

✔ Zahlreiche abgesenkte Bordsteine

Ein Schritt, der unscheinbar wirkt – aber für Rollstuhlnutzende und Menschen mit Gehhilfen jeden Tag über Selbstständigkeit entscheidet.

✔ Der neue Steg mit behindertengerechter Rampe

Ein Bauprojekt, das sinnbildlich für gelebte Zugänglichkeit steht.

✔ Orientierungssysteme für sehbehinderte Menschen

Etwa durch eine barrierefreie Gemeinde-App und zusätzliche Leiteinrichtungen.

✔ Der Einbau eines Aufzugs im Rathaus

Ein aktuelles Projekt, das Verwaltung für alle zugänglich macht.

✔ Frühzeitige Einbindung von Fachstellen

Bei neuen Planungen wie zuletzt beim Bau des Hauses der Kinderbetreuung an der Eichendorffschule werden heute Behörden, das Berufsförderungswerk, der Behindertenbeauftragte des Landkreises und weitere Experten automatisch mitgebracht – Inklusion wird nicht nachgebessert, sondern von Anfang an mitgedacht.

Der Bürgermeister machte deutlich: Diese Veränderungen kamen nicht „von oben“, sondern aus einem Miteinander von Bürgern, Politik, Verwaltung und dem Arbeitskreis. Er spricht von Mut, Ausdauer und Blickschärfe. Von einem Arbeitskreis, der nie laut, aber immer nachhaltig arbeitet. Und davon, dass Inklusion ein Prozess ist – kein Ziel, das man einmal erreicht und dann abhakt.

Die Menschen im Saal nicken. Viele von ihnen wissen genau, wie viel Geduld nötig ist, um auch kleine Fortschritte zu erzielen.


Momente, die bleiben – und solche, die wachrütteln

Neben den baulichen Veränderungen prägten auch Aktionen das öffentliche Bewusstsein. Manche davon haben den Ort nachhaltig wachgerüttelt:

  • ☝ die Begehung 2018, als blinde Menschen zeigten, wie gefährlich vollgestellte Gehwege sind
  • ☝ der gemeinsame Aktionstag 2023 in der Kirchstraße, bei dem Polizei und Gemeinde gemeinsam demonstrierten, wie wichtig das Freihalten von Blindenleitsystemen ist.
  • ☝ der Besuch im jüdischen Kulturmuseum, um Barrierefreiheit in kulturellen Räumen in den Fokus zu rücken

Viele Beteiligte erinnern sich an Gespräche, die danach geführt wurden – und die manches verändert haben.

  • ☝ etwa im Geisbergbad, wo kontrastreiche Markierungen später dafür sorgten, dass auch Menschen mit Sehbeeinträchtigung Stufen sicher erkennen können.
  • ☝ oder der Durchgang an der Vituskirche zum Ehrenmalplatz, der plötzlich für Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen und Rollstuhlfahrende gleichermaßen zum Segen wurde – ein kleines Stück Weg, das zeigte, wie sehr Barrierefreiheit allen zugutekommt.

Ein Raum voller Erinnerungen – und voller Dankbarkeit

Bei der Jubiläumsfeier erzählt Christina Feiler von all den Treffen, Begehungen, Diskussionen und Beharrlichkeiten.  Von Themen, die immer wiederkehren – unsichere Beschilderungen, Probleme im ÖPNV, Hindernisse auf Gehwegen.


Nicht alles ist gelungen – aber alles hat bewegt

Natürlich gab es Projekte, die trotz aller Bemühungen offenblieben:

  • ☝ Die schwere Eingangstür der Sparkasse.
  • ☝ An den Mainfrankensälen gibt es leider immer noch keine Rampe oder einen Aufzug im Eingangsbereich, der einen echt barrierefreien Zugang ermöglicht.
  • ☝ Der schmale Gehweg am Ortseingang unter der Bahnbrücke lässt sich nicht verbessern.
  • ☝ Eine Gehsteigabsenkung in der Günterslebener Straße bei Querung der Helen-Keller-Straße fehlt noch.

Teilweise liegt das an anderen Zuständigkeiten oder Rahmenbedingungen, wie Straßenbreiten, die zu beachten sind, die einfach keine gute Lösung ermöglichen.


Daneben gibt es auch ein paar Dauerbrennerthemen:

  • Dazu gehört die Lesbarkeit des Blättles für blinde Menschen
  • Wiederkehrende Probleme im Öffentlichen Personennahverkehr wie fehlende Durchsagen, die Lesbarkeit der Haltestellenanzeigen, Situationen im Bus und den Vandalismus an den Haltestellenansagen.
  • Hindernisse auf Gehwegen wie Mülltonnen, Fußfallen oder sogenannte Kundenstopper vor Geschäften

Doch in der Rückschau zählen nicht nur die Erfolge oder Rückschläge. Entscheidend ist etwas anderes: Dieser Arbeitskreis hat Veitshöchheim verändert. Und er hat Menschen den Mut gegeben, ihre Erfahrungen auszusprechen – und damit die Zukunft einer ganzen Gemeinde mitzugestalten.


Ein Ausblick, der verbindet

Am Ende des Nachmittags sagt Christina Feiler einen Satz, der wie ein stilles Versprechen klingt:

„Jeder von uns kann irgendwann auf Barrieren stoßen – durch Krankheit, Unfall oder einfach durchs Älterwerden.“

Vielleicht erklärt dieser Satz, warum die Jubiläumsfeier nicht nur Rückblick, sondern Aufbruch war. Der Arbeitskreis Inklusion bleibt eine wichtige Stimme der Gemeinde – eine, die nicht laut ist, aber stetig wirkt.

Und während die Gäste sich verabschieden und der Sitzungssaal wieder leiser wird, bleibt das Gefühl, dass die kommenden Jahre neue Wege eröffnen werden. Wege, die – dank der Arbeit vieler – für immer mehr Menschen passierbar werden.

Fotos Dieter Gürz

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