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Benefiznachmittag „Kultur und Küche der Ukraine“ verbindet Menschen und setzt starkes Zeichen der Solidarität

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Seit vielen Monaten leitet Anita Ruhwedel (rechts) vom Gemeindeteam der Katholischen Gemeinden Veitshöchheim-Dürrbachtal einen Gesprächs- und Handarbeitskreis für ukrainische Frauen. Alle zwei Wochen treffen sich dort Geflüchtete – häufig in Begleitung ihrer Kinder – in den Räumen der Caritas-Sozialstation St. Stephanus. Bei Tee und Kaffee üben sie Deutsch, knüpfen Kontakte zu Einheimischen und finden einen geschützten Ort, an dem Austausch und gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam mit Alesiia Tabatatze (links) vom Arbeitskreis Ukrainehilfe Würzburg organisierte Ruhwedel nun eine große Benefizveranstaltung im Pfarrsaal der Kuratie in Veitshöchheim zugunsten seh- und geistigbehinderter ukrainischer Kinder sowie zur Versorgung von Soldaten an der Front.

In ihrer Eröffnungsrede erinnerte Anita Ruhwedel an die anhaltende humanitäre Krise in der Ukraine. Die Situation der Kinder, gerade jener in Heimen oder mit Beeinträchtigungen, berühre sie besonders tief. Zugleich stünden die Soldaten an der Front vor einem weiteren harten Winter – mit großem Bedarf an warmer Kleidung und Ausrüstung.

„Wir haben heute einen Raum geschaffen, in dem Begegnung möglich ist – und in dem wir gemeinsam ein Zeichen setzen“, betonte sie. Sie dankte Pfarrer Christian Nowak für die Bereitstellung der Räume, Bürgermeister Jürgen Götz für seine Unterstützung sowie allen Helfern, Sponsoren und beteiligten Künstlergruppen. Mit dem Engagement der Fair-Trade-Gemeinde, die Kaffee spendete, und der Lebensmittelspende der „Kostbar“ sei deutlich geworden, wie wichtig lokales und globales solidarisches Handeln sei.


Bürgermeister Götz: „Wir stehen zusammen – als Gemeinde und als Menschen“

In seinem Grußwort wandte sich Bürgermeister Jürgen Götz besonders an die geflüchteten Familien, die inzwischen in der Region ein neues Zuhause gefunden haben. Viele seien in Schulen, Vereinen und Nachbarschaften längst ein selbstverständlicher Teil des Gemeindelebens geworden.

Götz stellte zudem die aktuellen politischen Diskussionen um einen möglichen neuen Friedensplan der US-Regierung einordnend dar. Jeder ernsthafte Ansatz sei zu begrüßen, betonte er, müsse jedoch die Souveränität und Würde der Ukraine respektieren. „Unsere Solidarität ist nicht nur materiell, sondern auch politisch. Wir begleiten aufmerksam, was entschieden wird – und wir stehen für eine Zukunft ein, die Frieden und Gerechtigkeit vereint.“


Ein abwechslungsreiches Kulturprogramm bewegt das Publikum

Rund drei Stunden dauerte der Kulturteil der Benefizveranstaltung „Kultur und Küche der Ukraine“, die im Pfarrsaal der Kuratie stattfand und über 80 Besucher anzog. Souverän führte Halena Didukh durch das Programm – eine Moderatorin, deren eigene Lebensgeschichte eng mit den Ereignissen in ihrer Heimat verwoben ist. Die junge Frau stammt aus Iwano-Frankiwsk und lebt seit ihrer Flucht im März 2023 in Arnstein, wo sie heute als Erzieherin arbeitet. Seit ihrer Ankunft engagiert sie sich gemeinsam mit einer Initiativgruppe ukrainischer Frauen für humanitäre Hilfe. Mit über 40 Folien informierte sie ausführlich über ukrainische Symbole, Bräuche, Essen, Weihnachten, Ostern, Volkskunst oder Musikinstrumente.


Humanitäre Hilfe: Von Frontkliniken bis Tierheimen

Zu Beginn erklärte Halena Didukh, welche Bereiche diese Frauengruppe unterstützt: Große Krankenhäuser in Charkiw und Schytomyr, in denen Kriegsverletzte versorgt werden; Rettungsmediziner an Stabilisierungspunkten nahe der Front; Binnenflüchtlinge und Kinder in Notunterkünften – etwa in einer Spezialinternatsschule in Bojarka. Selbst Tierheime gehören zu den Empfängern der Hilfe, darunter das Babynetsyshelter, das gerettete Hunde und Katzen aus Irpin und Butscha aufnimmt.


Ein Moment der Stille: Gedenken an den Holodomor

Bevor der Blick auf Kultur, Sprache und Traditionen fiel, bat Didukh um einen Moment der stillen Erinnerung. Ende November gedenkt die Ukraine jährlich der Opfer des Holodomor – der großen Hungersnot von 1932/33. Im Jahr 2025 fällt der Gedenktag auf den 22. November und damit in die Vorweihnachtszeit. „Kultur ist ein Licht, das wir weitergeben“, sagte sie – und verband so Erinnerung und Hoffnung.


Blick auf ein vielfältiges Land
Geografie und Bevölkerung

Didukh gab einen lebhaften Überblick über die Größe und Vielfalt ihres Heimatlandes:
Die Ukraine ist das größte Land Europas, größer als Frankreich und fast doppelt so groß wie Deutschland. 78 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Ukrainer, daneben leben über 100 weitere Ethnien im Land – zusammen sprechen sie mehr als 80 Sprachen.

Geografisch umfasst die Ukraine drei agroklimatische Zonen – Steppe, Waldsteppe und Polesien –, zwei Gebirge, zwei Meere und sogar die größte Halbwüste Europas, Oleschkiwskyj Pisky. „Warum erzähle ich euch das?“, fragte sie. „Damit ihr versteht, wie groß und vielfältig die Ukraine ist – und dass man in einem Abend nur einzelne Puzzleteile zeigen kann.“


Staatssymbole: Farben, Zeichen, Hymne
Blau und Gelb: Eine Tradition seit der Kiewer Rus

Die ukrainische Flagge mit ihren blauen und gelben Streifen hat eine jahrhundertealte Tradition. Schon in der Zeit der Kiewer Rus – im 10. Jahrhundert – tauchten die Farben in Bannern und Wappen der Fürsten auf. Blau steht für den Himmel, Gelb für die Weizenfelder – ein bis heute prägendes Landschaftsbild.

Der Tryzub – Falke oder Dreifaltigkeit?

Auch das Staatswappen geht auf diese Epoche zurück. Der Tryzub, ein stilisierter Dreizack, zierte bereits die Münzen und Siegel aus dem 11. Jahrhundert. Historiker sehen darin entweder ein Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit oder – wie Didukh selbst bevorzugt – den stilisierten, sturzfliegenden Falken.

Hymne als Bekenntnis zur Freiheit

Die ukrainische Hymne, im Bild von den ukranischen Gästen stehend gesungen, entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Ihr berühmter Anfang – „Noch sind Ruhm und Freiheit der Ukraine nicht gestorben“ – ist ein Bekenntnis zum Überleben und zur Freiheit des Landes, dessen Unabhängigkeitsstreben bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Sängerische Tradition sei fest verankert: „Ukrainerinnen singen gerne – das ist ein Teil unseres Selbst.“


Sprache und Identität

Die Entwicklung der ukrainischen Sprache reicht vom 6. Jahrhundert über mittelalterliche Chroniken bis zur modernen Literatursprache des 18. Jahrhunderts. Seit 1989 ist Ukrainisch offizielle Staatssprache. Weltweit sprechen rund 45 Millionen Menschen Ukrainisch – viele davon in Kanada und den USA.

Charakteristisch sind 14 Dialekte, der Anredefall (Vokativ) und einzigartige Buchstaben wie ï oder ґ. Lexikalisch steht das Ukrainische dem Polnischen oft näher als dem Russischen.

„Eine Nation ohne Sprache ist nicht überlebensfähig“, zitierte Didukh ein ukrainisches Sprichwort.


Bestickte Identität: Die Wyschywanka

Ein zentrales Symbol ukrainischer Kultur ist die Stickerei. Regionale Muster, Farben und Schnitte unterscheiden sich stark – ähnlich wie in Franken, bemerkte Didukh mit einem Schmunzeln und erinnerte an ihren Besuch im Ochsensfurter Trachtenmuseum.

Besonders wichtig ist die Wyschywanka, das bestickte Hemd oder die Bluse, die heute sowohl als Nationalsymbol wie auch als modisches Kleidungsstück beliebt ist. Jedes Muster hat Bedeutung: Der achtzackige Stern steht etwa für die Sonne, Quadrate symbolisieren Fruchtbarkeit. Am dritten Donnerstag im Mai feiert die Ukraine sogar den „Tag der Wyschywanka“.

Auch der Ruschnyk, das bestickte Tuch, spielt eine wichtige spirituelle Rolle. Er begleitet Menschen durch das ganze Leben – von Geburt und Taufe bis zur Hochzeit und zum Abschied.


Ukrainische Küche: Tradition und Vielfalt

Die ukrainische Küche ist so vielfältig wie das Land. Manche Gerichte sind landesweit bekannt, andere stark regional geprägt. Während der Sowjetzeit gerieten viele Rezepte in Vergessenheit, heute werden sie neu entdeckt.

Borschtsch – UNESCO-Kulturerbe

Den wohl größten Wiedererkennungswert hat der Borschtsch, eine Suppe aus Roter Bete, die je nach Region und Familie unzählige Varianten kennt – mit Bohnen, mit Pilzen, mit Sauerkirschen, sogar kalt auf Kefirbasis. 2022 wurde Borschtsch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt: „Ein Ausdruck ukrainischer Identität und Widerstandskraft.“

Salo, Warenyky und Buchweizen

Weitere Klassiker der ukrainischen Küche sind Salo (gepökelter Schweinespeck), Warenyky und andere Teigtaschen, Nalisnyky (gefüllte Crêpes) sowie Gerichte auf Buchweizenbasis – ein Getreide, das bereits im 11. Jahrhundert nach Osteuropa gelangte.


Feste im Jahreslauf
Weihnachten zwischen Tradition und Kalendern

Weihnachten in der Ukraine ist reich an Brauchtum – geprägt von der Zeit des sowjetischen Verbots religiöser Feste und den Unterschieden zwischen julianischem und gregorianischem Kalender. Erst vor zwei Jahren stellte die Orthodoxe Kirche der Ukraine auf den gregorianischen Kalender um.

Der Heilige Abend, Sviatyi Vechir, wird am 24. Dezember gefeiert. Dann wartet man auf den ersten Stern und serviert zwölf fleischlose Gerichte, darunter die traditionsreiche Kutia aus Weizen, Mohn und Honig. Der Diduch, ein gebundener Getreidebündel, steht für die Vorfahren und den Segen.

Am ersten Weihnachtstag ziehen Kinder und Jugendliche mit einem großen Stern von Haus zu Haus und singen Koljadky – ein Brauch, der Glück bringen soll.

„Carol of the Bells“ stammt aus der Ukraine

Ein musikalischer Höhepunkt des Abends war die Vorstellung der berühmten Melodie „Shchedryk“, die der Welt als „Carol of the Bells“ bekannt ist. Ihre Wurzeln liegen in heidnischen Ritualen der Wintersonnenwende. Komponiert wurde sie 1916 von Mykola Leontovych. Ukrainische Chöre brachten das Lied 1919 nach Europa und 1922 in die USA. Erst dort entstand die bekannte englische Textversion – ohne Zustimmung des Komponisten.

Ostern: Paska und Pysanky

Ostern wird mit gesegneten Speisen gefeiert – mit Paska, dem traditionellen Osterbrot, und bunten Pysanky, kunstvoll bemalten Eiern. Viele Ukrainerinnen pflegen diese Traditionen auch im Ausland.

Ivana Kupala – Sommernachtszauber

Zum Johannistag findet das Fest Ivana Kupala statt, eines der ältesten vorchristlichen Feste des Landes. Man springt über Feuer, lässt geflochtene Blumenkränze im Wasser treiben und erzählt sich Geschichten über die sagenumwobene Farnblume, die angeblich nur in dieser Nacht blüht.


Musik: Bandura und Trembita

Ein besonderes Kapitel widmete Didukh der ukrainischen Musikkultur. Die Bandura, ein Lauteninstrument mit bis zu 65 Saiten, hat eine jahrhundertelange Tradition. In der Sowjetzeit war sie teils verboten – als Symbol des ukrainischen Widerstands.

Nicht weniger beeindruckend ist die Trembita, ein bis zu acht Meter langes Blasinstrument der Karpatenhirten, das trotz seiner Größe nur wenige Kilo wiegt.


Dank und Ausblick

Zum Abschluss bedankte sich Halena Didukh im Namen der ukrainischen Gemeinschaft für die Gastfreundschaft, die Unterstützung und die große Anteilnahme der Besucher. „Ich hoffe, dass jede und jeder diesen Abend genießen und etwas Wertvolles mitnehmen konnte“, sagte sie. „Ihre Hilfe bedeutet der Ukraine und uns, die fern der Heimat leben, unendlich viel.“

Das Programm bot zwischen den Erläuterungen der Moderatorin eine eindrucksvolle Mischung aus Musik, Tanz, Tradition und Information:

  • Lesung des Gedichts „Hoffnung“ von Lesia Ukrainka durch Maria Ganam

  • Chor „Mriya“, der unter der Leitung von Anastasia Posna aus Nürnberg unter anderem „Namalui meni nich“ (Mal mir die Nacht), „Chervona ruta“ (Rote Rute), das Weihnachtslied „Nova radist stala“ (Eine neue Freude ist  gekommen) und „Solovey“ (Nachtigall) darbot

  • Vokal- und Chorensemble „Fayno“, begleitet von Maria Parkhomenko mit einer Bandura, ein Lauteninstrument mit bis zu 65 Saiten, mit Liedern wie „Vyshyvanka“ und „Shchedryk“

  • Tanzgruppe „Step up“ mit traditionellen und modernen Tänzen: „Deutsche Polka“, „Schexpur“,

„Hopak“ und „Barabany“ (Foto Ilse Wallaschek)

  • Tanz- und Soloauftritt von Maria Ganam („Marichka“)

  • Bandura-Spielerin,  die das Nationalinstrument der Ukraine eindrucksvoll präsentierte (Foto Ilse Wallaschek)

Zwischen den Beiträgen konnten die Besucher an einer langen Tafel ukrainische Spezialitäten probieren – von Borschtsch über Warenyky und Salate bis hin zu Süßspeisen – alles liebevoll von den Teilnehmerinnen des Gesprächs- und Handarbeitskreises zubereitet.

Der Saal war durchweg gut gefüllt, die Stimmung herzlich und offen. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, mit ukrainischen Familien ins Gespräch zu kommen, Rezepte, Erinnerungen oder Zukunftspläne auszutauschen.

Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Kultur – ein Nachmittag, der bleibt

Die Spendenbereitschaft war groß. Schon während des Programms füllte sich die Spendenbox sichtbar, und zahlreiche Besucher verabschiedeten sich mit Dank und Anerkennung für das Engagement der Organisatorinnen.

„Es war ein Nachmittag, der Mut macht“, resümierte eine Besucherin. „Zu sehen, wie viel Kraft in dieser Gemeinschaft steckt, ist beeindruckend.“

Anita Ruhwedel zeigte sich bewegt: „Dieser Tag hat gezeigt, wie stark solidarisches Handeln sein kann – wenn Menschen einander zuhören, füreinander da sind und gemeinsam Hoffnung leben.“


Fotos Dieter Gürz - 2  Fotos Ilse Wallaschek 

Ergänzung:

Pfarrer Christian Nowak, der aus terminlichen Gründen erst später hinzukam, zeigte sich in seinem Grußwort erfreut über die künstlerischen Darbietungen und das Engagement der Ukraine Hilfe Würzburg. Besonders das Schicksal beeinträchtigter Kinder bewege ihn, sagte er – und rundete die Spendensumme im Namen der katholischen Gemeinden Veitshöchheim auf 2000 Euro auf.

Anita Ruhwedel kündigte an, dass die Ukraine Hilfe Würzburg am 2. und 3. Adventswochenende erneut im Haus der Begegnung mit einem Stand vertreten sein wird – wieder mit Spezialitäten und dem festen Willen, ihren Landsleuten in der Ukraine zu helfen.

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