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Vorlesen beim Friseur: Grundschule Veitshöchheim startet ungewöhnliche Lesekooperation

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Kinder lesen beim Haareschneiden vor und erhalten dafür 20 Prozent Rabatt – Drei Monate dauernde Aktion startet am 1. Oktober

Mit einer ebenso ungewöhnlichen wie pfiffigen Idee will die Grundschule Veitshöchheim die Lesefreude ihrer Schüler fördern: Ab 1. Oktober heißt es in zwei Veitshöchheimer Friseursalons drei Monate lang „Vorlesen beim Friseur“. Während die Haare geschnitten werden, greifen die Kinder zum Buch und lesen mindestens zehn Minuten vor. Als Anerkennung erhalten sie 20 Prozent Rabatt auf ihren Haarschnitt.

Am Donnerstag stellten Rektorin Gabriele Schwenkert (2.v.l.) und ihre Stellvertreterin Julia Heres (2.v.r.) gemeinsam mit den beiden beteiligten Friseurbetrieben das neue Kooperationsprojekt in der Eichendorffschule vor. Mit dabei sind Friseurmeisterin Leony Oppmann vom Friseursalon Vanilla im Maincenter (li.) und Intercoiffure Claudia Funk (re.).


„Mutig vorlesen – schick nach Hause gehen!“

Unter diesem Motto verbindet die Aktion Leseförderung mit einem ganz alltäglichen Erlebnis. Die Idee dahinter: Kinder sollen das laute Lesen außerhalb des Klassenzimmers und ohne Noten- oder Leistungsdruck erleben.

Mitmachen können alle Kinder der ersten bis vierten Jahrgangsstufe der Grundschule Veitshöchheim. Jeder Schüler erhält dafür einen Schülerausweis, der im teilnehmenden Friseursalon vorgezeigt wird.

Die Regeln sind denkbar einfach: Die Eltern vereinbaren wie gewohnt direkt beim Friseur einen Termin. Das Kind bringt sein Lieblingsbuch oder einen anderen geeigneten Lesestoff mit. Während des Haareschneidens liest es mindestens zehn Minuten laut vor. Anschließend gibt es als Belohnung 20 Prozent Nachlass auf den Haarschnitt.


Lesen ohne Angst vor Fehlern

Gerade das laute Vorlesen kostet manchen Kindern Überwindung. Wer stockt, ein Wort nicht sofort erkennt oder einen Satz noch einmal beginnen muss, fühlt sich schnell unsicher. Genau hier setzt die Veitshöchheimer Kooperation an.

Das Vorlesen beim Friseur soll die Leseflüssigkeit spielerisch verbessern, das Selbstbewusstsein stärken und vor allem Freude am Lesen vermitteln. Anders als bei einer schulischen Aufgabe gibt es keine Bewertung. Entscheidend ist nicht, perfekt zu lesen, sondern sich zu trauen und dabei zu erleben, dass Lesen auch außerhalb der Schule seinen Platz hat.

Und weil die Kinder selbst entscheiden können, was sie mitbringen, darf es genau die Geschichte sein, die ihnen gefällt.


Eine Win-win-Situation für Schule und Friseursalons

Von der Kooperation sollen beide Seiten profitieren. Die Grundschule gewinnt zwei außerschulische Partner, die die schulische Leseförderung auf ungewöhnliche Weise in den Alltag der Kinder tragen.

Für die beiden Friseursalons wiederum bietet das Projekt die Möglichkeit, Kinder und ihre Eltern als neue Kunden kennenzulernen und gleichzeitig gesellschaftliches Engagement vor Ort zu zeigen.

Damit wird aus dem Friseurbesuch für einige Kinder womöglich eine kleine Lesestunde – und aus dem Friseurstuhl für zehn Minuten ein ganz besonderer Vorlesesessel.


Aktuelle PISA-Ergebnisse zeigen Handlungsbedarf

Wie wichtig solche niedrigschwelligen Angebote sein können, zeigen die erst am 8. September veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Danach verfügt inzwischen rund ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland nur über sehr eingeschränkte Lesekompetenzen. Die Leistungen beim Lesen haben sich weiter verschlechtert.

Besonders bemerkenswert: Der Anteil der Jugendlichen, die beim Lesen das grundlegende Kompetenzniveau nicht erreichen, hat sich nach Angaben der Stiftung Lesen gegenüber 2015 verdoppelt. Gleichzeitig ist der Anteil besonders leistungsstarker Leser zurückgegangen.

Die Probleme beginnen allerdings lange vor dem Alter der von PISA untersuchten 15-Jährigen. Die Stiftung Lesen verweist auf die IGLU-Ergebnisse, wonach rund jedes vierte Kind die Grundschule verlässt, ohne ausreichend gut lesen zu können. Defizite, die zu diesem Zeitpunkt bestehen, sind später nur noch schwer auszugleichen.

Damit setzt die Veitshöchheimer Grundschule mit ihrer Aktion genau dort an, wo Leseförderung besonders wichtig ist: in den ersten Schuljahren und möglichst nah am Alltag der Kinder.


Lesen soll positiv besetzt sein

Neben regelmäßigem Üben spielt die Motivation eine entscheidende Rolle. Kinder sollen erfahren, dass Lesen nicht nur aus Schulbuch, Arbeitsblatt und Hausaufgabe besteht. Geschichten, Comics, Kinderzeitschriften und andere selbst gewählte Texte können dabei helfen, auch zurückhaltende Leser zu erreichen.

Die Stiftung Lesen empfiehlt insbesondere bei Kindern, die sich mit Büchern noch schwertun, niedrigschwellige Angebote. Kürzere Texte und visuell unterstützte Formate wie Comics oder Kinderzeitschriften können Einstiegshürden verringern. Wichtig sei zudem, Kinder bei der Auswahl ihres Lesestoffs mitentscheiden zu lassen.

Auch regelmäßiges Vorlesen im Elternhaus bleibt von großer Bedeutung. Die Stiftung Lesen fordert angesichts der aktuellen Ergebnisse, zehn Minuten Vorlesen täglich zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Familienalltags zu machen.


Drei Monate lang wird beim Friseur gelesen

Das Veitshöchheimer Projekt „Vorlesen beim Friseur“ startet am 1. Oktober und läuft zunächst drei Monate.

Teilnehmen können Schüler der Klassen 1 bis 4 der Grundschule Veitshöchheim. Die Terminvereinbarung erfolgt unmittelbar bei den beiden Kooperationspartnern:

Friseur Intercoiffure Claudia Funk
Thüngersheimer Straße 1, Veitshöchheim

Friseursalon Vanilla im Maincenter
Oberdürrbacher Straße 2, Veitshöchheim

Zum Termin bringen die Kinder ihren Schülerausweis und ihren Lesestoff mit. Wer während des Haareschneidens mindestens zehn Minuten vorliest, erhält 20 Prozent Rabatt auf seinen Haarschnitt.

Foto Dieter Gürz

So könnte es ab Oktober in Veitshöchheim öfter heißen: Buch auf, Schere auf – und losgelesen.

 

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