Zwischen Currywurst und Kaviar: Theater am Hofgarten feiert umjubelte Premiere seines sechsten Freilichttheaters
Ein Sommerabend wie geschaffen fürs Freilichttheater
Als sich am Freitagabend im historischen Kauppert-Hof in Gadheim der Vorhang hob, war sofort zu spüren, warum sich das Freilichttheater des Theater am Hofgarten längst zu einer festen Größe im Kulturkalender entwickelt hat. In stimmungsvoller Hofatmosphäre, begleitet von fränkischer Gastlichkeit und erwartungsvoller Spannung, feierte die Komödie „Kaviar trifft Currywurst“ von Winnie Abel eine ebenso schwungvolle wie begeisternde Premiere.
Mit pointiertem Wortwitz, temporeichen Szenen, überraschenden Wendungen und einem Ensemble, das mit sichtbarer Spielfreude agierte, verwandelte sich der idyllische Innenhof für gut drei Stunden in eine Bühne voller Situationskomik. Immer wieder hallte herzliches Gelächter durch den Hof, Szenenapplaus unterbrach das Spiel, ehe sich am Ende lang anhaltender Beifall mit stehenden Ovationen mischte.
Ein Erfolg, lange bevor sich der Vorhang öffnete
Bereits vor der Premiere stand fest: Das sechste Veitshöchheimer Freilichttheater trifft den Nerv des Publikums. Sämtliche rund 600 Eintrittskarten für die sechs Aufführungen waren bereits Wochen zuvor restlos vergriffen.
Entsprechend groß war die Freude von Vorsitzendem Bernd Schäfer, der gemeinsam mit Schriftführerin Carina Wohlfart, Regisseurin Petra Schwitkowski, dem zweiten Vorsitzenden Alexander Götz sowie Bühnenbauer Peter Kern die Gäste begrüßte.
Schäfer sprach von einem "Selbstläufer", über den sich der Verein außerordentlich freue. Sein besonderer Dank galt der Familie Kauppert, die ihren historischen Hof bereits zum sechsten Mal als außergewöhnliche Freilichtbühne zur Verfügung stellt. Stellvertretend überreichte das Theater Blumen an Seniorchefin Rita und Juniorchefin Cindy Kauppert. Begrüßt wurden außerdem Zweiter Bürgermeister Elmar Knotz sowie die Gründungsmitglieder Ingo und Waltraud Iversen.
Mit gereimten Versen hieß anschließend Lena Kauppert die Besucher aus nah und fern willkommen und lud sie ein, einige unbeschwerte Stunden zwischen Theaterkunst und fränkischem Gaumenschmaus zu genießen.
Ein bewegender Moment für Urban Kauppert
Bevor die Komödie begann, wurde es still im Kauppert-Hof. Alexander Götz erinnerte an den im vergangenen Jahr verstorbenen Urban Kauppert, der das Freilichttheater von Beginn an mitgetragen und entscheidend geprägt hatte.
Er habe nie gefragt, warum etwas nicht möglich sei, sondern wie man es gemeinsam verwirklichen könne. Mit Tatkraft, Begeisterung und großer Gastfreundschaft habe Urban Kauppert maßgeblich dazu beigetragen, dass aus einer Idee eine Erfolgsgeschichte wurde.
Die Worte, man spiele diesen Premierenabend "auch ein Stück weit für dich", berührten viele Besucher sichtlich. Es war einer jener stillen Momente, in denen Theater und Wirklichkeit für einen Augenblick ineinanderflossen.
Wenn Verzweiflung erfinderisch macht
Am Anfang der Komödie steht keine Pointe, sondern eine Frau, die mit dem Rücken zur Wand steht. Erna Wutschkes kleine Dorfkneipe "Zum warmen Würstchen" schreibt seit Jahren rote Zahlen. Die Gäste bleiben aus, Rechnungen stapeln sich, und die Schließung scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. An eine Zukunft glaubt Erna längst nicht mehr.
Den einzigen Strohhalm sieht sie in ihrem wohlhabenden Cousin Harry von Anhalt, dem sie jedoch über Jahre hinweg aus Scham eine heile Welt vorgespiegelt hat. In ihren Briefen wurde aus der einfachen Dorfkneipe ein erfolgreiches Gourmetrestaurant mit erlesener Küche und anspruchsvoller Kundschaft.
Als Harry überraschend seinen Besuch ankündigt und zugleich eine mögliche finanzielle Beteiligung in Aussicht stellt, bricht Erna zunächst verzweifelt zusammen. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben.
Erst ihre treuen Stammgäste bringen sie wieder auf die Beine. Gemeinsam schmieden sie den aberwitzigen Plan, die heruntergekommene Kneipe innerhalb weniger Stunden in ein nobles Sternerestaurant zu verwandeln.
Mit erstaunlichem Einfallsreichtum, viel Improvisationstalent und jeder Menge Chuzpe entsteht aus der kleinen Eckkneipe eine glitzernde Scheinwelt, in der Fischstäbchen zu Delikatessen, einfacher Wein zu edlen Tropfen und Stammgäste zu distinguierten Feinschmeckern werden.
Innerhalb weniger Stunden verwandeln ihre Stammgäste die heruntergekommene Dorfkneipe "Zum warmen Würstchen" in ein vermeintliches Nobelrestaurant.
Fischstäbchen werden zu exquisiten Delikatessen, einfacher Wein erhält klangvolle Namen.
Stammgäste mutieren zur feinen Gesellschaft und aus einer verrauchten Boazn soll ein Gourmettempel werden.
Doch kaum scheint der Plan aufzugehen, überschlagen sich die Ereignisse. Bürgermeister Dieter Döge schaut vorbei.
Restaurantbesitzer Wolfgang Schuster versucht mit allen Mitteln, seine Konkurrentin auffliegen zu lassen.
Stammgast Uwe platzt immer wieder genau im falschen Moment herein. Jede noch so kleine Panne droht das kunstvoll errichtete Lügengebäude zum Einsturz zu bringen.
Die Restaurantkritikerin bringt alles ins Wanken
Richtig turbulent wird es, als Harry ankündigt, zusätzlich die renommierte Restaurantkritikerin Ludmilla von der Steppke vom Magazin Der Feinschmecker nach Gadheim zu schicken. Jetzt genügt gutes Schauspiel nicht mehr – plötzlich muss tatsächlich auf Spitzenniveau gekocht werden.
Wie gerufen taucht ein französischer Spitzenkoch auf, der Erna seine Hilfe anbietet.
Während im Gastraum weiter improvisiert wird und die Stammgäste verzweifelt versuchen, ihre Rollen als feine Gesellschaft aufrechtzuerhalten, wächst hinter den Kulissen die Nervosität.
Mit scharfem Blick prüft Ludmilla von der Steppke Speisekarte, Wein und Service. Jeder Handgriff wird beobachtet, jede Kleinigkeit könnte über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Als ausgerechnet Wolfgang Schuster die aufwendig vorbereiteten Speisen heimlich sabotiert und praktisch ungenießbar macht, scheint Ernas mühsam aufgebautes Kartenhaus endgültig zusammenzubrechen.
Kakerlaken, Intrigen und eine Currywurst als Rettung
Zu den komödiantischen Glanzpunkten des Abends gehörte der Auftritt von Harry von Anhalt und seiner Begleiterin Heike "Puppe".
Während Erna und ihre Helfer den Schein des Edelrestaurants mit viel Improvisation aufrechterhalten, versucht Wolfgang Schuster mit allen Mitteln, seine Konkurrentin bloßzustellen.
Besonders turbulent wird es, als er heimlich eine Kakerlake unter den Tisch der Gäste bugsiert. Der Schreck bei Heike "Puppe" ist groß. Doch Erna reagiert geistesgegenwärtig: Ohne mit der Wimper zu zucken erklärt sie den ungebetenen Gast kurzerhand zur asiatischen Delikatesse, zerlegt die Kakerlake demonstrativ und preist sie als exklusive Spezialität an.
Während Harry sich tatsächlich von der improvisierten Erklärung überzeugen lässt, schwanken die übrigen Figuren zwischen Entsetzen und Fassungslosigkeit. Das Publikum quittiert diese Szene mit schallendem Gelächter.
Doch Wolfgang Schuster gibt sich nicht geschlagen. Verkleidet als Gourmetkoch bietet er seine Dienste an und verschafft er sich so Zugang zur Küche und verdirbt die für die Restaurantkritikerin vorbereiteten Speisen.
Als Ludmilla von der Steppke die Vorspeise kostet, fällt ihr vernichtendes Urteil entsprechend deutlich aus. Für einen Moment scheint Ernas Traum endgültig geplatzt.
Doch gerade als alles verloren scheint, zeigt sich die eigentliche Stärke der Wirtin. Statt raffinierter Sterneküche überzeugt schließlich ihre hausgemachte Currywurst. Die Kritikerin erkennt, dass sich hinter der Fassade kein Gourmettempel verbirgt, wohl aber ehrliche Kochkunst, Authentizität und Gastfreundschaft.
Sie empfiehlt Erna, künftig genau darauf zu setzen und aus dem "Warmen Würstchen" ein gutbürgerliches Speiselokal zu machen. Auch Harry erkennt schließlich das Potenzial und erklärt sich bereit, weiter in seine Cousine zu investieren.
So wird aus "Warmes Würstchen" nun "Ernas Küche".
Ein Ensemble mit sichtbarer Spielfreude
Die Premiere war vor allem eine Gemeinschaftsleistung eines hervorragend harmonierenden Ensembles.
Im Mittelpunkt steht Anina Hornung als Kneipenwirtin Erna Wutschke. Sie trägt das Stück nahezu durchgehend und meistert den Spagat zwischen Verzweiflung, Schlagfertigkeit und warmherziger Bodenständigkeit mit bemerkenswerter Natürlichkeit. Man nimmt ihr die Wirtin ab, die mit immer neuen Improvisationen versucht, ihr Kartenhaus aus Lügen vor dem Einsturz zu bewahren.
Große Unterstützung erhält die Wirtin von Udo Backmund, der dem arbeitslosen Stammgast Gerd „Blümchen“ Blume viel Herz und liebenswerten Charme verleiht und hoffnungslos verliebt am Ende doch noch von seiner Angebeteten erhört wird.
Den wohlhabenden Cousin Prinz Harry von Anhalt gibt Marco Amrehn mit souveräner Arroganz und feiner Selbstironie. Sein Auftritt setzt die Handlung überhaupt erst in Gang und sorgt immer wieder für komödiantische Höhepunkt
Als Restaurantkritikerin Ludmilla von der Steppke setzt Cornelia Lyding schließlich den dramaturgischen Höhepunkt des dritten Aktes. Mit feiner Mimik, trockenem Humor wird ihre Figur zum Zünglein an der Waage – und entscheidet letztlich über Ernas Zukunft.
Mit sichtbarer Spielfreude gestaltet Robert Röhm den selbstgefälligen Bürgermeister Dieter Döge, dessen Auftritte ebenso eitel wie komisch wirken. Sabine Werner setzt als modebewusste Ehefrau Annabell mit pointiertem Spiel reizvolle Akzente.
Den Gegenspieler der Wirtin, den ehrgeizigen Restaurantbesitzer Wolfgang Schuster, verkörpert Sebastian Schubert mit genau der richtigen Mischung aus Überheblichkeit und Boshaftigkeit, zugleich in seiner Doppelrolle als bei Erna angestellter Gourmetkoch.
Für einen Großteil der Lacher sorgt das Stammgäste-Quartett. Sonja Binde spielt die lebenslustige Sandy Stutzke mit ansteckender Energie und großer Bühnenpräsenz. Marina Bertignoll begeistert als etwas begriffsstutzige Mandy, deren herrlich trockene Missverständnisse regelmäßig Szenenapplaus hervorrufen.
Claudia Schädel sorgt als Harrys Begleiterin Heike „Puppe“ für weitere humorvolle Momente.
Jürgen Eißner macht den bierliebenden Heini mit Stammplatz an der Theke mit stoischer Gelassenheit zu einer echten Kultfigur des Abends.
Kurzfristig sprang Manuel Seemann für den erkrankten Volker Graf in der Rolle des chronisch klammen Stammgastes Uwe ein. Dass dieser Wechsel kaum auffiel, spricht für seine überzeugende Darstellung.
Liebe zum Detail auf und hinter der Bühne
Dass die Aufführung so stimmig wirkte, ist ebenso den vielen Helfern hinter den Kulissen zu verdanken.
Bernd Schäfer und Petra Schwitkowski führten gemeinsam Regie und bewiesen einmal mehr ein feines Gespür für Tempo, Pointen und Figurenführung. Peter Kern und Jasmin Lyding schufen ein stimmig gestaltetes Bühnenbild, das sich harmonisch in das Ambiente des Kauppert-Hofes einfügte.
Für Maske und Kostüme sorgten Melanie Sevbold, Monika Schmitt, Jasmin Lyding, Carina Wohlfart und Sylvia Schraut. Benjamin Leberfinger zeichnete für die technische Betreuung verantwortlich.
Gemeinsam gelang dem Ensemble eine geschlossene Leistung, bei der jeder Charakter seine eigenen Akzente setzt. Gerade dieses harmonische Zusammenspiel macht den besonderen Reiz der Inszenierung aus und erklärt, warum die Pointen zünden und die drei Stunden wie im Flug vergehen.
Weitere Fotoimpressionen von der Premiere - alle Fotos Dieter Gürz