Neujahrsempfang in Veitshöchheim, Teil IV – Oxytocin, Ordnungsgeld und das fehlende E
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Man kann viel über Neujahrsempfänge sagen. Kabarettist Günther Stadtmüller begann seine Rede mit purer Ergriffenheit: „Ist das schön … ich kann’s gar nicht fassen.“ Ein ganzes Jahr habe er darauf warten müssen. Und siehe da: keine Drohnen, kein Blitzeis, keine Schafherde im Saal. 2026 kann kommen.
Der Blick in den Saal bestätigte den Kabarettisten dann das, was Veitshöchheim ausmacht: „Nur nette Leute, froh gestimmte Leute – also für Franken unglaublich fröhliche Leute.“ Vorzeigebürger überall. Kein Wunder, dass Stadtmüller anderswo keinen Neujahrsempfang besucht. Veitshöchheim weiß eben, was es an sich hat.
Begrüßt wurde klassisch per Handschlag – gleich von drei Bürgermeistern. Der Kabarettist maß sachkundig nach: Mucha wärmer, Knorz kühler, Götz exakt dazwischen. Ergebnis: sofortiges Wohlgefühl. „Deutlich intensiver als auf einer Krankenstation – oder bei einer Beerdigung.“ Das muss man erst einmal schaffen.
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Verbesserungspotenzial gäbe es dennoch. Zeitungslektüre hatte Stadtmüller belehrt: Kuscheln fördert die Gesundheit, Oxytocin inklusive. Seine Vision: Sofas im Saal, XXXLutz als Sponsor, Gemeinderat im Kuschelmodus. Einzige ungeklärte Fragen: Wer kuschelt mit wem? Ist das noch Nächstenliebe oder schon MeToo? Und was macht eigentlich der Pfarrer?
Sparen muss auch Veitshöchheim. Besonders sichtbar auf Straßenschildern. In der Beethovenstraße wurde ein E gestrichen. Früher sei man großzügiger gewesen: Bismarck mit CK, Stresemann mit zwei E, Sandäcker mit Umlaut. Heute wird rationalisiert. Wer weiß, vielleicht heißt es bald einfach nur noch „Straß“.
Großzügiger ging man beim Mainsteg vor – zumindest optisch. Die Einweihung erinnerte Stadtmüller an Rom: weißer Rauch, Ergriffenheit, Halleluja. Gut, es war dann doch nur Mainwasser aus Feuerwehrschläuchen. Gespart wurde ansonsten konsequent: keine Helene Fischer an Seilen, kein Peter Maffay mit nacktem Oberkörper. Nur Festreden, Segnung – und fertig ist die Brücke.
Ordnung herrscht im Ort trotzdem. Der Wachdienst patrouilliert zuverlässig – bis 22 Uhr. Danach schlafen die Veitshöchheimer bekanntlich friedlich und moralisch einwandfrei. Wer vorher noch unterwegs ist, trifft auf den wahren Hüter des Gemeinwohls: den Verkehrsüberwachungsdienst. Energische Frauen, Blitzer an neuralgischen Gefahrenpunkten wie der Herrnstraße. Stadtmüller selbst wurde dreimal geblitzt – mit 20 km/h. Konsequenz: Senioren werden jetzt geschoben.
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Ein emotionaler Höhepunkt der Rede war die Würdigung von Blog-Wart Dieter Gürz, der im vergangenen Jahr 75 wurde. „Was Giovanni di Lorenzo für die Zeit ist, das ist Dieter Gürz für Veitshöchheim“, sagte Stadtmüller. Er adelte ihn als unverzichtbares Chronisten-Gewürz Veitshöchheims, dessen Berichte, Fotos und Beiträge das Gemeindeleben dokumentieren wie kaum etwas anderes: „Der Artikel steht oft schon im Blog, bevor das Ereignis überhaupt stattgefunden hat.“ Über 700 Beiträge im Jahr seien „Wahnsinn – sauber recherchiert, dazu eine Bilderflut, in der sich wirklich jeder wiederfindet.“ Und manche Fotos taugen sogar fürs Sterbebildchen.
Politisch bleibt alles entspannt. Bürgermeister Jürgen Götz kandidiert wieder, unterstützt von fast allen. Hochgerechnet regiert er bis 2068, eröffnet 52 Mal Fasching und trägt ebenso oft den Himmel. SPD und CSU arbeiten friedlich zusammen – ein Zustand, der bundesweit als experimentell gilt.
Zum Schluss wurde es genussvoll-philosophisch. Wein, so Stadtmüller unter Verweis auf eine Studie, fördere die Sprachgewandtheit: „Der Schoppen hilft dem Franken, seine Gedanken auch in Worte zu fassen.“ Endlich eine Erklärung für fränkische Zurückhaltung. Nach einem Liter klappt sogar Fremdsprache, Unterleinach eingeschlossen.
Fazit: Veitshöchheim bleibt eine Insel der Seligen. Sein Rat zum neuen Jahr fiel entsprechend bodenständig aus: anstoßen, zufrieden sein – und das Leben in Veitshöchheim genießen. Und falls das neue Jahr schwierig wird: kuscheln oder Schoppen. Am besten beides – aber bitte nicht in der Herrnstraße. Mit einem herzhaften „Prost Neujahr“ endete eine Rede, die das Publikum mit langem Applaus bedachte.
Fotos Dieter Gürz
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