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Meistererzähler Rafik Schami zog in der Bücherei im Bahnhof mit seiner Wortkunst 120 Zuhörende in seinen Bann

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Die blühende Wüste der Phantasie – Erzählabend in der Bücherei im Bahnhof mit Rafik Schami am 24.2.2024

Wer davon überzeugt ist, dass heute alle nur noch mit dem Handy herumspielen oder sich von der weiten Wüste des Privatfernsehens berieseln lassen, würde bei einem Blick in die restlos ausverkaufte Bücherei im Bahnhof während eines Auftritts von Rafik Schami schnell eines Besseren belehrt.

Konzentration, aufmerksame Mienen, kein einziges störendes Handyklingeln, lediglich ein kurzfristig versagendes Mikrofon – aber das wäre wiederum eine eigene Geschichte … Ansonsten konnte man über 120 Menschen dabei beobachten, wie sie sich von der Wortkunst des Meistererzählers in den Bann ziehen ließen.

Um Geschichten aller Art, die unsere Welt und Menschlichkeit als Mikro- wie Makrokosmos abbilden, geht es in Schamis neuem Roman »Wenn du erzählst, erblüht die Wüste«. Wie das Vorwort erläutert, ist dieser nicht seine ureigene Schöpfung, vielmehr handelt es sich um ein anonymes Werk aus dem frühen 19. Jahrhundert, das er übersetzt und nacherzählt hat; was letztlich auf das Gleiche hinausläuft, denn »eine Geschichte neu erzählen ist nichts anderes als sie neu erfinden« (S. 13).

Die Vorlage, eine Art arabisches »Decameron«, orientiert sich vermutlich am Vorbild der legendären Scheherazade. An zehn Abenden werden, getragen durch eine Rahmenhandlung, von unterschiedlichen Personen thematisch angeordnete Geschichten erzählt, mit dem Ziel, die an Trübsal erkrankte Tochter des Königs Salih zu heilen.

Um »Mut und Feigheit« geht es etwa, um »Freundschaft und Feindschaft« oder um die Liebe. Im Roman begegnen dem Leser also viele Schichten und Geschichten, vielfältige Figuren auf allen möglichen Ebenen, schöne, lustige, lästige und listige Frauen, Helden, Feiglinge, Witz- und Trunkenbolde, Liebhaber, kluge Männer, vielleicht auch einige, die eher dumm sind. Außerdem in alter Fabeltradition Tiere mit ihren recht eigenen Weisheiten. Das ganze, pralle Leben eben.

Wie üblich, erzählte Rafik Schami völlig frei, Einflechtungen, Anekdoten und Nebenhandlungen inklusive, ohne dabei je die Kontrolle über den breit angelegten Stoff zu verlieren: Das war nicht nur großartige Unterhaltung, sondern zugleich eine beeindruckende Gedächtnisleistung.

Der Besuch des sehr erfolgreichen und besonders beim Publikum außergewöhnlich beliebten Autors in der Veitshöchheimer Bücherei (die Veranstaltung war im Handumdrehen ausverkauft) ist mittlerweile zu einer lieben Tradition geworden.

Begründet wurde sie einst von Elisabeth Birkhold, und ermöglicht nicht zuletzt dadurch, dass Rafik Schamis Frau Root Leeb, die ihn diesmal auch begleitete, hier aufgewachsen ist. Ein dicker Dank geht von daher wie immer an Elisabeth und ihren Mann Ulrich für ihre Unterstützung

ebenso an das Büchereiteam Alex, Katharina und Verena, die ihren Samstagabend bereitwillig der Erzählkunst widmeten, sowie Elisabeth Stein-Salomon mit ihrer Kollegin von der Buchhandlung Knodt, die den Büchertisch wieder professionell gestalteten.

Der Abend jedenfalls löste ein, was der Umschlagstext des Romans verspricht – man konnte ihn wahrlich ein »Fest des Erzählens« nennen. Egal, was die große bunte Medienwelt des 21. Jahrhunderts parat haben mag: Letztlich gibt es eben doch nichts Faszinierenderes als eine gute Geschichte.

Bericht: Astrida Wallat - Fotos: Katharina Otto

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