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Studienarbeit der Veitshöchheimer Geschichtsforscherin Dr. Anne-Marie Greving offenbart: Nazi-Schergen richteten auch in der italienischen Partnerstadt Greve in Chianti ein kriegsverbrecherisches Massaker an.

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Große Betroffenheit löste unter den 50 Besuchern am Mittwochabend in der Veitshöchheimer Bücherei im Bahnhof der 75minütige Vortrag  von OStDin a.D. Dr. Anne-Marie Greving zum Thema "Nazi-Verbrechen in Italien 1943 bis 1945 - Vergessen, verschweigen, erinnern" aus.

Die gebürtige Münsterländerin (Jahrgang 1950) hatte von 1978 bis 1989 am Johann-Schöner-Gymnasium in Karlstadt unterrichtet. Nach ihrer Promotion in Geschichte im Jahr 1989 war Greving insgesamt 14 Jahre in Italien tätig: bis 1995 an der Deutschen Schule in Rom als Geschichts- und Deutschlehrerin und von 1998 bis 2006 in Bologna, wo sie eine zweisprachige deutsche Abteilung an einem italienischen Gymnasium aufbaute und Lehrpläne in Geschichte aus einer doppelten Perspektive aus deutscher und italienischer Sicht schreiben musste. 

Aus Bologna zurückgekommen, landete Greving glücklich am Gymnasium Veitshöchheim als stellvertretende Schulleiterin, ehe sie dann ab August 2010 fünfeinhalb Jahre bis zu ihrer Pensionierung das Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld leitete.

Eingeladen zu dem Vortrag hatte Veitshöchheims italienische Partnerschaftsbeauftragte Ilse Feser, die überwältigt von der großen Resonanz war. Wie sie zur Begrüßung sagte, habe  Anne-Marie Greving aufgrund ihrer 14jährigen Tätigkeit in Italien sie vor einem Jahr auf die Problematik hingewiesen, dass auch die toskanische Partnergemeinde von den Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht  nicht verschont blieb und die Erinnerung an die dunklen Seiten der deutsch-italienischen Vergangenheit dort immer noch sehr lebendig sei.

Sie habe sofort auf Grevings Angebot zugegriffen, darüber in einem Vortrag die hiesige Öffentlichkeit aufzuklären. Ein Jahr lang habe sich dann die pensionierte Oberstudiendirektorin in ihre Arbeit gestürzt, ehe  sie ihre wissenschaftlich fundierte Studienarbeit erstmals der Öffentlichkeit präsentierte.  Greving: "Für mich war dieses eine Jahr der Aufarbeitung keine Plage, sondern ein Vergnügen, weil ich nun in meinem Ruhestand Zeit dafür hatte."

Wie Greving zu Beginn ihres Vortrags ausführte, habe sie bei ihrer 14jährigen Tätigkeit in Italien vor der Frage gestanden, solle das, was durch die Nationalsozialisten und Faschisten passiert ist, vergessen und verschweigen werden oder solle man sich dem stellen. Vor allem für die jungen Leute von heute sollte man sich daran erinnern und ihnen Antworten auf ihre Fragen geben, die sie haben.

Erstaunlicherweise sei über die Zeit von 1943 bis 1945, also die lange Schlussphase des Zweiten Weltkrieges, weder in Italien noch in Deutschland in der Öffentlichkeit viel bekannt, werde kaum darüber geredet, obwohl die Wissenschaftler seit ca. 20 Jahren breitflächig bei der Arbeit seien und Fakten aufarbeiten.

Vor dem Hintergrund der Partnerschaft von Veitshöchheim mit Greve in Chianti komme aber dieser Reise in die dunkle Vergangenheit, die zwar nur knapp zwei Jahre gedauert habe, eine große Bedeutung zu. Sie werbe ihre Schatten bis heute in eine aktuelle Diskussion.

Im April 1994 erfolgte die Unterzeichnung der Partnerschaft von Veitshöchheim mit Greve in Chianti in Italien.  In all den 24 Jahren habe man sich immer wieder, so die Partnerschafts-Beauftragte Ilse Feser, mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigt, mit Kunst und Kultur, Essen und Trinken, Schüleraustausch oder mit der Besichtigung der Infrastruktur der Partnergemeinden.

Umso überraschter war man nun in Veitshöchheim, dass nach den Recherchen von Greving, die grauenvolle Brandspur des deutschen Nazi-Regimes im Juli 1944 auch die italienische Partnerstadt erfasst hatte. Dort wurde nur drei Monate nach Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde anlässlich des 50. Jahrestages des Massakers, in dem Soldaten der deutschen Wehrmacht binnen einer Woche 25 Bürger erschossen oder erschlugen, eine Gedenktafel mit den Namen der Ermordeten aufgestellt und jährlich werde im Juli der Toten gedacht, wie das abgebildete Plakat aus dem Jahr 2015 offenbart.

Greve in Chianti (Foto Feser)

Erinnerungsfoto: Mit Geschenken bedankten sich Bürgermeister Jürgen Götz (links) und die Partnerschaftsbeauftragte Ilse Feser (rechts) bei Dr Annemarie Greving (Bildmitte) für ihren profunden und erschütternden Vortrag. Mit auf dem Foto abgebildet sind Grevings Freunde, die Eheleute Francesca (geborene Bartoli) und Dr. Riccardo de Sanctis, die eigens zu dem Vortrag tags zuvor aus Rom angereist waren. Der italienische Journalist und Film-Director de Sanctis ist auch im Deutschen Fernsehen bekannt. So begleitete er in dem in 3Sat gesendeten Film "Das letzte Geheimnis von Pompeji" die Arbeit der Wissenschaftler.

Für die Referentin war es etwas ganz Besonderes, dass ihre Freunde aus Rom gekommen waren, denn Ausgangspunkt ihrer Geschichte ist  Conca della Campania, der Heimatort der Familie ihrer italienischen Gäste, in der Nähe von Monte Casino, 71 Kilometer nördlich von Neapel, etwas verloren in den Bergen gelegen. We Greving erzählte, ist sie schon seit 1990 sehr häufig in diesen kleinen Ort gefahren und habe so mit ihren Freunden die Geschichte des Ortes erlebt.

So sei sie auch vor einem Jahr dort gewesen, weil Francesca de Sanctis die Mittelschüler von Conca und den umliegenden Orten zum Gedenktag am 28. Januar eingeladen hatte. Greving: "Und diese Fünftklässler hatten zuvor den Roman Der Junge im gestreiften Pyjama des irischen Schriftstellers John Boyne aus dem Jahr 2006 gelesen und sich intensiv vorbereitet auf eine Begegnung mit einer deutschen Geschichtslehrerin, die lange in Italien gelebt hat." Sie wollten von ihr wissen, wie es bei ihr zu Hause war, ob ihre Eltern im Widerstand gewesen seien, was ihr ihre Eltern über die Nazizeit erzählt haben, was sie davon gewusst haben und was sie davon wisse, wie es in den Lagern gewesen sei, über die sie in dem Buch gelesen hatten. Ein Junge habe gefragt: "Stimmt das, das sie den Kindern in den Lagern nichts zu essen gegeben haben? Das kann man doch nicht machen."

Wie Greving weiter erzählte, habe sie bei einem Spaziergang in Conca zwei Frauen getroffen, die sie auf dem Friedhof zu diesem Mahnmal geführt habe, das daran erinnert, dass deutsche Soldaten Ende Oktober/Anfang November 1944 hier im Ort waren und es zu einem Schusswechsel mit einem als Mönch verkleideten Amerikaner kam, wo er und zwei Soldaten getötet wurden.

Am nächsten Tag hätten dann die Wehrmachts-Soldaten der besonders aggressiven und berüchtigten Divison Hermann Göring eine völkerrechtlich unzulässige Repressionsmaßnahme (willkürliche Bestrafung der Zivilbevölkerung) durchgeführt, d.h. systematisch alle Bewohner erschossen, die sie auf der Straße antrafen, seien in Häuser eingedrungen und hätten die Leute dort erschlagen und so in Conca insgesamt 22 Menschen getötet. Schon im September 1944 seien 25 junge Männer bei einer Razzia gefangengenommen und als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert worden.

Conca sei doppelt bestraft worden, so Greving, weil es direkt an einer Verteidigungslinie, der Gustavlinie lag. In Conca gab es einen großen Palazzo als wirtschaftlicher, sozialer und politischer Mittelpunkt des Ortes, der der Familienlinie Bartoli/Galderi gehörte, der auch ihre Freundin Francesca entstammt. Die Wehrmacht habe schon im September 1943 den Palazzo als ihre Residenz beschlagnahmt und diesen beim Rückzug gemäß ihrer Politik der "Verbrannten Erde" mit Dynamit in die Luft gejagt. Geblieben sei nur der Keller und das Eingangstor.

So wie Conca ist es nach ihren Woren auch in Greve in Chianti gewesen. Greving: "Die Brandspur der Nazis zog sich durch ganz Italien über Bologna hinaus nach Norden."

Der Atlas des Grauens

Damit die 5760 Delikte und Kriegsverbrechen in Italien, neun davon im Raum Greve in Chianti (siehe Luftbild unten), nicht in Vergessenheit geraten, hat eine deutsch-italienische Historikerkommision  nach vierjähriger Arbeit 2012 im italienischen Außenministerium einen Atlas des Grauens vorgestellt, wer wo wie gewütet hat  und dies online dokumentiert auf www.straginazifasciste.it/.

 

 

Die Referentin zeigte auch auf, was aus den Hauptverantwortlichen der in Italien verübten Kriegsverbrechen seit Kriegsende wurde.

Greving zeigte weiter auf, dass neben Repressionsmaßnahmen, der Bandenbekämfung und der Rekrutierung ziviler Zwangsarbeiter entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention aufgrund eines Rommel-Befehles vom 1. Oktober 1943 rund 600.000 von einer Million entwaffneter italienischer Soldaten  als  „Militärinternierte“ zur Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft nach Deutschland und in besetzte Gebiete deportiert wurden. So habe auch die Würzburger Firma KöBau Ende 44 noch 500 italienische Zwangsarbeiter bekommen.

Die Historikerin verwies auf einen Beitrag der Hessenschau vom 23. Oktober 2017, nach der  es über 70 Jahre nach Ende des Krieges noch immer Italiener gibt, die die sterblichen Überreste ihrer nach Deutschland deportierten Angehörigen nach Hause holen - so wie Stefania Severi ihren Militärinternierten Onkel Giuseppe aus einem Frankfurter Friedhof nach Pisa in die Toscana.

Bürgerkrieg in Italien

Ausführlich schilderte Anne-Marie Greving auch die schwierige Bürgerkriegs-Lage, in der sich Italien ab September 1943 befand, das bis zur Absetzung Mussolinis im Juli 1943 noch eine verbündete Macht Deutschlands war.

Damals waren noch 1,5 Millionen Italiener unter Waffen. Hinzu kam eine Million deutscher Soldaten des deutschen Afrikakorps, das sich über Italien auf dem Rückzug befand, nach dem ab Juli 1943 die Landung der Allierten in Sizilien begann.

 

 

Greving: "In der Nachkriegszeit hatte Vergessen, Verschwiegen und Vertuschen Methode."  Sie nannte es eine gewagte Konstruktion, dass man ausgerechnet Gawlik, der als Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen im Einsatz war, mit der Leitung der Zentralen Rechschutzstelle beauftragte, die nach dessen Tod aufgelöst wurde.

Später wollten nach ihren Recherchen weder die Deutschen noch die  Italiener wegen des Aufbaus der EU und der NATO erinnert werden, geschweige denn die Kriegsverbrechen verfolgen. Es sei deshalb auf Gedeih und Verderb vertuscht worden.

Bis dann 1993 in Italien der "Schrank der Schande" geöffnet wurde.

Es dauerte jedoch bis 2006 darüber berichtet wurde. Mit dem letzten Prozess im Jahr 2017 sei nun die Vergangenheit aufgearbeitet worden.

Seit 2016 sind nun alle Dokumente auch online einsehbar:

Greving stellte fest, dass die Zeit des Vergessens, Verschweigens und Vertuschens 2002 vorbei ist und eine Erinnerungskultur Platz gegriffen hat:

Das Dokumentationszentrum dient der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte. Leider hätten die Militärinternierten keine Entschädigungsleistungen erhalten.

Studienarbeit der Veitshöchheimer Geschichtsforscherin Dr. Anne-Marie Greving offenbart: Nazi-Schergen richteten auch in der italienischen Partnerstadt Greve in Chianti ein kriegsverbrecherisches Massaker an.

Fazit von Anne-Marie Greving:

"In der Zeit der Besatzung vom September 1943 bis Mai 1945 durch die deutschen Verbände SS und Polizei habe es die saubere Wehrmacht nie gegeben. Unterstützt von faschistischen, italienischen Verbänden haben sie eine Blutspur des Verbrechens hinterlassen vom Süden nach Norden. Italien war ein Land im Bürgerkrieg und diese Spuren prägen die aktuelle Tagespolitik noch heute. Verantwortlich für die Verbrechen sind die verbrecherischen Systeme des Nationalsozialismus und des Faschismus.

Eine Wehrmacht kann kaum sauber sein, wenn das System verbrecherisch ist. Die Nachkriegsjahre sind geprägt von Verschweigen und Vertuschen der Verbrechen und der Verantwortlichkeiten sowohl in Deutschland als auch in Italien. Je mehr vertuscht wurde, umsomehr öffnet sich das Feld für diejenigen, die damit Politik machen wollen und diese Ereignisse nutzen wollen für politische Auseinandersetzungen. Nur eine gemeinsame Erinnerungskultur kann der Geschichte und den Opfern gerecht werden."

Das eigentliche Fazit ihres Vortrags: "Die Zukunft Europas liegt in der Wahrung des Friedens und der Freundschaft über Landesgrenzen hinweg. Auch wenn die Partnerschaft Veitshöchheim und Greve in Chianti gar nicht berührt wurde von den Ereignissen, so seien diese jedoch Teil der gemeinsamen Geschichte und sicherlich etwas, an das man erinnern muss. Denn die Kinder fragen und sie haben ein Recht auf Antwort."

Bürgermeister Jürgen Götz bedankte sich bei der Referentin  sehr herzlich für den höchst interessanten Vortrag, der an ein ganz ungutes Kapitel unserer Geschichte erinnere.

Götz: "Auch wenn sich der Eindruck erweckt, nachdem wir über 20 Jahre eine Partnerschaft mit Greve haben und wir bis dato von den Taten der deutschen Besatzungsmacht noch nichts gehört haben, dann sollte es nicht so sein, dass wir uns daran nicht erinnern wollen. Es ist bisher noch nicht an uns herangetragen worden, wir haben uns aber auch noch nie damit auseinandergesetzt oder hinterfragt." Der Bürgermeister kündigte an, beim nächsten Besuch in Greve in Chianti auch den Ort des Mahnmals aufzusuchen.

"Wir haben uns daran gewöhnt, in Europa mit unseren Nachbarländern in Frieden und Freundschaft zu leben, wie auch die verschiedenen Gemeindepartnerschaften von Veitshöchheim beweisen," betonte Götz. Dies zeige, dass sich die Veitshöchheimer als Europäer fühlen. Deutlich werde dies, wenn nach dem Brexit der EU-Mittelpunkt in die Gemeinde wandern wird. Die Gemeinde werde den Europäischen Gedanken auch weiter tragen und damit ein Zeichen setzen.

 

Bildbeilagen sind bis auf die Fotos in der Bücherei dem PP-Vortrag von Anne-Marie Greving entnommen.

Studienarbeit der Veitshöchheimer Geschichtsforscherin Dr. Anne-Marie Greving offenbart: Nazi-Schergen richteten auch in der italienischen Partnerstadt Greve in Chianti ein kriegsverbrecherisches Massaker an.

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