Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

Namibia-Ausstellung am Gymnasium Veitshöchheim – Gymnasiasten beleuchten die dunklen Seiten der deutschen Kolonialzeit

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

 

namibia00Projektgruppe

Fotos mit allen Beteiligten bei der Vernissage in der Schulaula v.l.n.r. Schulleiter Dieter Brückner, Tutorin Eva Vyhnalek (Uni Bayreuth), Denise Hilpert, Jan-Philip Hußl, Judith Heil,Lucas Wittmann, Lara Lauc, Tutorin Kritina Udechukwu (Uni Bayreuth), Lehrerin Claudia Wührl und Dominik Broll (es fehlt Tamara Nahm)

 

"Namibia im Spannungsfeld zwischen gestern und (über)morgen". Unter diesem Titel nahmen sieben SchülerInnen der Q11 des Gymnasiums Veitshöchheim im Rahmen des Projektseminars Deutsch/Geschichte ein Schuljahr lang das Land Namibia, die ehemalige Kolonie im südlichen Afrika unter Wilhelm II und Schauplatz des Völkermords an den Herero ins Visier.

Die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse von der leidvollen Kolonialgeschichte über das auch heute noch sensible und äußerst vielschichtige Thema der Apartheid bis hin zum Alltag der Menschen und der persönlichen Begegnung als Perspektive für übermorgen präsentieren die nun in den Abiturjahrgang aufgestiegenen Gymnasiasten bis Ende Oktober in den drei Etagen der Schulaula in einer in den Kulturherbst des Landkreises eingebetteten Ausstellung.

Sensibilisiert durch das Buch „Morenga“ von Uwe Timm aus dem Jahre 1983 erhielten sie Feedback bei thematischen Fragen von Studierenden des Bayreuther Bachelorstudienganges „Afrikanische Sprachen, Literaturen und Kunst“ und dem Lehrstuhl Afrikanistik I. Im Iwalewa-Haus, dem Afrikazentrum der Universität Bayreuth kamen Elftklässler bei ihren drei Fahrten nach Bayreuth den Geheimnissen der Museologie ein bisschen auf die Spur und holten sich vielfältige Anregungen für ihre zu Beginn ihres zwölften Schuljahres geplante Namibia-Ausstellung.

Es bedurfte vor allem auch außerhalb der Schulzeit vieler und intensiver Kontakte, face to face, aber auch virtuell, um zu einem durchdachten und von allen Beteiligten mitgetragenen Ausstellungskonzept zu kommen. Viele Ideen, Diskussionen, Überarbeitungen und viel, viel Arbeit folgten, bis letztlich rechtzeitig zur Vernissage an sieben Stationen verschiedene Aspekte des Landes und seiner Menschen aus verschiedenen Perspektiven und mit originellen musealen Stilmitteln wie Tunnel, Geschichtssäule, Mobile oder durchlaufendes Video dargestellt werden konnten.

In seinen einführenden Worten verdeutlichte Schulleiter Dieter Brückner unter Hinweis auf den Artikel "Deutsche Kolonien - Vergessene Schuld" in der Süddeutschen Zeitung vom 27. September, dass Deutschlands Umgang mit Namibia eine ungeahnte Aktualität gewonnen hat. Denn diese Woche kam eine namibische Delegation nach Berlin, um 20 Schädel von Herero und Nama aus der Sammlung der Berliner Charité abzuholen. Schädel von Menschen, die zwischen 1904 und 1908 starben, als die deutsche Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika herrschte und für den Massenmord an dem namibischen Volk der Herero, den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts verantwortlich zeichnet.

Damals starben mehr als 80.000 Menschen, vier Fünftel der Bevölkerung, Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder in die Wüste getrieben und von Wasserstellen ferngehalten, bis sie verdursteten. Weiter ist dort zu lesen, dass nicht nur die ersten deutschen Konzentrationslager entstanden, sondern auch einige Schädelsammlungen. Frauen der Ermordeten mussten, so steht es im Untertitel eines Archivfotos, die Schädel mit Glasscherben "vom Fleisch befreien und versandfertig" machen, damit in Deutschland Rassenideologen wie Eugen Fischer das "Bastardvölkchen" erforschen konnten. Die Auseinandersetzung mit dieser dunklen Seite der deutschen Kolonialgeschichte könnte interessante Hinweise geben, etwa auf die ohnmächtige Frage, wie Hitler möglich wurde.

 namibia05JanPhilipHusslPolitik

Diese dunkle Seite der deutschen Geschichte bildet denn auch einen Schwerpunkt bei Jan Philip Hussl, der an seiner Station den preußischen Kommandeur Lothar von Trotha an den Pranger stellt, vor allem dessen Aussage: "Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen."

namibia01TunnelLaraLauc

"Verstellter Blick: IM TUNNEL" taufte denn auch Lara Lauc ihre Station. Denn für die Deutschen sei Namibia mit seinen ursprünglichen Landschaften, einer faszinierenden Tierwelt, zahlreichen Outdoor-Aktivitäten in erster Linie als faszinierendes Reiseziel im Gedächtnis. Am Ende des Tunnels gelangte man auch bei ihr auf die Gräuel der deutschen Kolonialzeit. .

namibia06persoenlichkeiten0 namibia06persoenlichkeiten1 namibia06persoenlichkeiten2 

Lara Lauc zeichnet auch für  verantwortlich, die sie Persönlichkeiten Namibias aus Geschichte und Gegenwart widmet, so Nora Schimming-Chase (mittiges Bild), die 1992 die erste Botschafterin Namibias in Deutschland wurde. Sie geht auch ein auf die Geschichte der "Schwarzen Deutschen" zur DDR-Zeit.

 namibia02WittmannBroll

Lucas Wittmann und Dominik Broll dokumentieren auf einer Zeitsäule über drei Etagen die drei Epochen Namibias, dass auch nach der Kolonialzeit die Apartheid unter dem Mandat Südafrikas bestand und das Land auch heute noch von vielen Spuren dieses hochsensiblen Themas geprüft ist.

namibia03HilpertHeilAlltag

In Form einer Mobile-Darstellung beleuchten Denise Hilpert und Judith Heil die Lebenssituation, das Leben der Frauen, Schule, Sport und den sonstigen Alltag der Menschen in Namibia, wo noch viele deutsche Gepflogenheiten anzutreffen sind, vor allem beim Essen und Trinken. So gilt auch heute noch für das Bier das deutsche Reinheitsgebot.   

namibia07TamaraNahmPPBlickinZukunft

An Station 7 beeindruckte Tamara Nahm (erkrankt) mit der Powerpoint-Präsentation "Blick in die Zukunft - Wer seid ihr? Wer bist du?", mit der sie den Versuch dokumentierte, mittels Online-Fragebogen eine Schule in Namiba zu kontaktieren sowie den Briefwechsel mit zwei Namibierinnen als Perspektive für übermorgen für eine persönliche Begegnung. 

namibia04SprachenBayreuth1 namibia04SprachenBayreuth2Hoerstation  

Station 4 ist ein sehens- und hörenswerter Ausstellungs-Beitrag der Bayreuther Universität, an der Kristina Udechukwu und Eva Vyhnalek den Kosmos der 28 Sprachen Namibias mit Hörstation ins rechte Licht rücken.

 

Fazit:

Für Schulleiter Brückner und Lehrerin Claudia Wührl waren es sehr wichtige Erfahrungen, die ihre Schüler sammeln konnten, in dem diese Wege gesucht haben, wie man Wissen und Erkenntnisse präsentiert, damit sie Aufmerksamkeit in einer breiteren Öffentlichkeit finden. Brückner fand es prima und ein Paradebeispiel für ein gelungenes Projektseminiar, dass deren Ergebnisse durch Begleitung externer Spezialisten bereichert und dadurch eine so beeindruckende Ausstellung ermöglicht wurde.

"Wissen, Bildung, Erkenntnisse, auch ohne konkreten Nutzen, sind etwas Wichtiges, weil es das Bild von unserer Welt, die uns umgibt, beeinflusst, prägt, und uns erst zu dem macht, was wir sind. Solche Themen machen uns zu handlungsfähgien Menschen, gehören zum Humanum." Mit diesen Worten machte der Schulleiter seinen Schülern ein großes Kompliment. Wührl ergänzte, dass das Projekt hervorragend dazu diente, ihre Schüler auf das Leben, auf die Berufswelt vorzubereiten. Es sei für die Sieben schon eine schwierige Aufgaben gewesen, mit einem Budget von nur 100 Euro eine solche Ausstellung selbst zu planen, zu organisieren und durchzuführen. Dies hätte sie unheimlich herausgefordert.

Die Ausstellung passe mit dem Thema Apartheid auch lückenlos in die diesjährigen Jahresthemen "Schule ohne Rassismus" und "Schule mit Courage".

Kommentiere diesen Post