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Beeindruckende Lesung „Verbrannte Worte“ in der Veitshöchheimer Bücherei im Bahnhof

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

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Gruppenbild mit den "Vorlesern" v.l. sitzend Michael Birk, Peter Schäfer, Günther Stadtmüller, Marlene Goßmann, Rainer Kinzkofer, Ute Schnapp, Marion Reuther und stehend Werner Götz, Albert Greiner, Karen Heußner, Olga Kämmer, Albrecht Vornberger, Homaira Mansury und die Büchereileiterin Elisabeth Birkhold, die mit ihren einführenden Worten die schrecklichen Geschehnisse vor 80 Jahren in Erinnerung rief.

Mit der Lesung "Verbrannte Worte" im Lesecafé der Bücherei im Bahnhof wurde auch in Veitshöchheim an die Bücherverbrennung vor 80 Jahren erinnert. Kurz nach der  „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten kam es im März 1933  im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu einer organisierten und systematisch vorbereiteten Verfolgung jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller, deren Höhepunkt die am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz und in 21 anderen deutschen Universitätsstädten groß inszenierten öffentlichen Bücherverbrennungen darstellten, bei denen zehntausende Werke verfemter Autoren von "deutscher Intelligenz" wie Studenten, Professoren und NS-Organen ins Feuer geworfen wurden. Die Scheiterhaufen waren ein weiteres Fanal auf dem Weg in die totalitäre Diktatur und den Holocaust.

Mitveranstalter der Lesung der Bücherei waren das Kulturamt der Gemeinde und der vor kurzem im Ort gegründete Arbeitnehmer-Bildungsverein. 

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Die gemeindliche Kulturreferentin Karen Heußner führte durch das Programm und las selbst Gedichte des Lyrikers Joachim Ringelnatz (1883-1934)  "Fand meinen einen Handschuh wieder" und "Vergehe Zeit" und am Ende der beeindruckenden Veranstaltung das Gedicht "Ihr Zuschauenden" von Nelly Sachs (1891-1970). Die Besonderheit an letzteremGedicht ist, dass Nelly Sachs die Schreckenstaten der Nationalsozialisten thematisiert hat, ohne dabei auf konkrete Vorwürfe zu setzen. Faszinierend ist mit welcher hochemotionalen, herben, aber dennoch zarten Sprache sie über das Grauen von damals spricht und es ihr lyrisch als Opfer gelingt, sich in die Täter hinein zu versetzen.

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Homaira Mansury, Dozentin an der Akademie Frankenwarte Würzburg, las von Leonhard Frank (1882-1961) einen Auszug aus "Gespräch im Kriege" und "Der Mensch ist gut". Frank zählt zu den bedeutendsten sozialkritischen und pazifistischen Erzähler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind geprägt von seiner politischen Vorstellung eines solidarischen und humanen Zusammenlebens der Menschen. Auch seine Bücher fielen in Deutschland der Bücherverbrennung im Mai 1933 zum Opfer. 1934 wurde ihm nicht zuletzt wegen der Unterzeichnung des Saaraufrufs deutscher Intellektueller die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

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Dritter Bürgermeister Michael Birk interpretierte von Heinrich Heine (1797-1856) die Gedichte "Die schlesischen Weber" und "Nachgedanken". 

Weiter lasen vor:

LesungVerbrannteBuecher-11-Guenther-Stadtmueller.jpg Günther Stadtmüller (pensionierter Mittelschul-Lehrer und Spiritus Rector von "Frei & Frank"

Erich Kästner (1899-1974)

Kästner wurde mehrmals von der Gestapo vernommen und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine Werke wurden bei der Bücherverbrennung als „wider den deutschen Geist“ verbrannt, was er selbst aus nächster Nähe beobachtete. Er emigrierte jedoch nicht mit der Begründung: „Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen. Mich läßt die Heimat nicht fort. Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen – wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

 

"Frau Großhenning schreibt an ihren Sohn"

 

 

 

Albert Greiner

(zweiter Vorstand des Arbeitnehmer-Bildungsvereins)

"Briefe an den Weihnachtsmann" und "Die Entwicklung der Menschheit"
  Rainer Kinzkofer (Bürgermeister) Rede vor dem PEN-Club 1958
LesungVerbrannteBuecher-13-Peter-Schaefer.jpg Peter Schäfer (jangjähriger Vorstand der deutsch-französischen Gesellschaft Würzburg)

Mascha Kaléko (1907-1975)

Über die deutschsprachige Dichterin mit jüdischen Wurzeln schrieb der Philosoph Martin Heidegger: „Ihr Stenogrammheft zeigt, dass sie alles weiß, was Sterblichen zu wissen gegeben ist.“ Das erfolgreich verkaufte Werk erschien im Januar 1933 und fiel bereits im Mai den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer.

"An meinen Schutzengel"

"Sozusagen grundlos vergnügt"

"Lächeln, Atmen, Schreiten"

LesungVerbrannteBuecher-12-Marlene-Go-mann-2.jpg Marlene Goßmann (Gemeinderätin)

Berthold Brecht (1898-1956)

Einflussreicher deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke werden weltweit aufgeführt. Ab 1930 begannen die Nationalsozialisten, Brechts Aufführungen vehement zu stören. Zu Beginn des Jahres 1933 wurde eine Aufführung durch die Polizei unterbrochen und die Veranstalter wegen Hochverrats angeklagt. Am 28. Februar – einen Tag nach dem Reichstagsbrand – verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete ins Ausland. Brecht stand im April 1933 auf der von Wolfgang Herrmann verfassten „Schwarzen Liste“; deshalb wurden seine Bücher am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt und am Tag darauf seine gesamten Werke verboten. Brecht wurde 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

"Kinderhymne"

"Fragen eines lesenden Arbeiters"

  Albrecht Vornberger (Gründer Arbeiter-Bildungsverein Veitshöchheim) "Die Bücherverbrennung"
Oskar Maria Graf (1894-1981) "Verbrennt mich"
LesungVerbrannteBuecher-10-Ute-Schnapp.jpg   Ute Schnapp (Gemeinderätin)

Heinrich Mann (1871-1950)

 

 

Er verließ Deutschland 1933 kurz vor dem Reichstagsbrand im Februar und emigrierte. Am 14. Februar 1933 schlossen ihn die Nationalsozialisten aus der Akademie der Künste aus und im August 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt; Mann stand auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933.

 

Auszug aus dem Roman "Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen"

 

Hier übte Mann in pointierten, zuweilen belustigenden Formulierungen scharfe Kritik an den politischen und sittlichen Verhältnissen im Wilhelminischen Deutschland, an der Servilität des deutschen Bürgertums und an der sozialen Ungerechtigkeit dieser Zeit.

Olga Kämmer (Realschullehrerin)

Walter Mehring (1896-1981)

deutsch-jüdischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten satirischen Autoren der Weimarer Republik - Sein Theaterstück Der Kaufmann von Berlin (1929), eine Persiflage auf die Inflationsgewinnler, uraufgeführt an der Berliner Volksbühne, provozierte einen Skandal, die SA demonstrierte vor dem Theater; Joseph Goebbels verfasste im Angriff einen ganzseitigen Hetzartikel gegen ihn mit der Überschrift An den Galgen. Viele seiner Bücher landeten während der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Scheiterhaufen. Mehring entging nur knapp seiner Verhaftung durch die SA, emigrierte, wurde 1939 in Frankreich interniert und konnte 1941 durch seine Flucht aus dem Lager St. Cyprien der Auslieferung entgehen.

"Begrüßung Hitlers auf literarischem Gebiet"
Werner Götz (Gemeinderat)

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Angesichts seiner kompromisslosen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten fand der schon 1930 nach Schweden ausgewanderte Tucholsky seinen Namen auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 wieder, wurden seine Werke nach 1933 verboten.

Glosse "Die brennende Lampe"
Marion Reuther (Rektorin Volksschule Margetshöchheim)

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Die bedeutende deutsch-jüdische Dichterin emigrierte am 19. April 1933, nach tätlichen Angriffen und angesichts der Bedrohung ihres Lebens, nach Zürich, erhielt dort jedoch Arbeitsverbot. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und ab 1939 lebte sie in Palästina.

Gedichte "Abel", "Morituri" und "Weltende"

 

 

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