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Ausstellung "Der erste Durchbruch im eisernen Vorhang" im Veitshöchheimer Rathaus

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

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von Dieter Gürz


 „Der Durchbruch - Das paneuropäische Picknick in Sopron am 19. August 1989“ ist die Ausstellung tituliert, die noch bis 25. Februar 2011 im Veitshöchheimer Rathaus aufzeigt, wie es kam, dass die scheinbar unüberwindliche Grenze zwischen Ost und West am 19. August 1989 im ungarischen Sopron ein Loch bekam.

Ausstellungseröffnung durch Partnerschaftsbeauftragten Oswald Bamberger, Kulturreferentin Karen Heußner und Bürgermeister Rainer Kinzkofer

Durchbruch
Durchbruch

Link auf Fotoalbum mit allen Tafeln

Anlässlich „20 Jahre Grenzöffnung – 20 Jahre Mauerfall – 20 Jahre Partnerschaft mit der sächsischen Stadt Geithain“ holte zweiter Bürgermeister Oswald Bamberger in seiner Funktion als Partnerschaftsbeauftragter diese bereits europaweit zu sehende Ausstellung nach Veitshöchheim. Hier ist sie nun erstmals in Bayern zu sehen.

Erarbeitet wurden die 24 Tafeln über das historische Ereignis in Ungarn gemeinsam von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, der Ungarischen Stiftung „Paneuropäisches Picknick´89“ und dem Collegium Hungaricum Berlin.

Die gemeindliche Kulturreferentin Karen Heußner hatte sich kundig gemacht und den kleinen Kreis interessierter Besucher in die Ausstellung eingeführt.

Sie orientierte sich dabei an dem 1990 von Laszlo Nagy, dem Mitbegründer des Ungarischen Demokratischen Forums und an den Ereignissen maßgeblich Beteiligten herausgegebenen Essay.

Die Ausstellung ruft in Erinnerung, wie am 19. August 1989 um 15 Uhr in Sopron an der österreichisch-ungarischen Staatsgrenze der Eiserne Vorhang durchbrochen wurde und mehrere Hunderte DDR-Bürger über Österreich flüchtend in die BRD einreisten. Sie waren Teilnehmer eines von Laszlo Nagy und damaligen Oppositionsparteien organisierten Paneuropäischen Picknicks, an dem dieses unerwartete historische Ereignis stattfand. Zehntausend Menschen feierten diesen Durchbruch und die spektakuläre massenhafte Flucht, die den letzten Anstoß zu den Änderungen in der DDR, zum Fall der Berliner Mauer und zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.

Wegen dieser großen historischen Bedeutung wurde an Ort und Stelle des historischen Durchbruchs ein Gedenkpark eingerichtet, wie die nachstehende Tafel 23 zeigt:

Durchbruch23
Durchbruch23

Die Schilderung der Ereignisse im Detail:

Das Politkomitee der ungarischen sozialistischen Arbeiterpartei hatte am 2. Mai 1989 mit dem Abschalten der Meldeanlagen begonnen, eine trotz aller Signale der politischen Veränderung im Ostblock ausgesprochen mutige Maßnahme, war doch „oppositionelles“, nicht Block-konformes Vorgehen als staatsfeindlich eingestuft und mit Strafe bedroht.

Unbeabsichtigt große Wirkung entfaltete die Idee des ungarischen Demokraten Ferenc Mészáros, symbolisch den Eisernen Vorhang zu öffnen und an dieser Stelle der Grenzlinie ein Picknick mit Teilnehmern aus Ost und West zu veranstalten.

Trotz anfänglicher Skepsis im eigenen Kreis wurden Staatsminister Imre Pozsgay und Otto von Habsburg, Abgeordneter im Europaparlament, als Schirmherren gewonnen. Parteien und Gruppierungen des damaligen „Runden Tischs der Opposition“ in Ungarn schlossen sich der Planung an.

Um tatsächlich eine Begegnung auf der Grenze durch den Grenzübertritt einer Delegation zu ermöglichen, wurde ein stillgelegter Grenzübergang an der Straße von Sopron nach Sankt Margarethen ausgewählt, der mit einem Holztor verschlossen war. Das Picknick sollte anschließend an einem anderen Ort in der Nähe stattfinden.

In mühevoller Kleinarbeit, sich an neue Kontakte herantastend und ohne Sicherheit darüber, wie die Pläne aufgenommen werden würden, verbreiteten sich die Informationen nach Österreich, um auch von dortiger Seite Unterstützung zu finden.

Noch immer waren die Organisatoren bemüht, möglichst die Vorschriften einzuhalten und so sollte das Ereignis auch nicht eine ungesetzliche Aktion anarchistischer Grenzöffnung sein, sondern ein durchaus mit notwendigen Genehmigungen abgesichertes Geschehen, um nicht doch noch polizeilichen oder militärischen Einsatz herauszufordern.

Was im Stillen begonnen hatte, hatte sich längst wie ein Lauffeuer in der Öffentlichkeit verbreitet. Am Tag der Veranstaltung fanden sich noch vor dem Eintreffen der offiziellen Veranstaltungsteilnehmer zahlreiche Menschen von beiden Seiten der Grenze an der Übergangsstelle ein. Auf der ungarischen Seite waren dies vor allem die DDR-Bürger, die sich seit Tagen – ganz und gar nicht zufällig- in und um Sopron aufhielten.

Das große Medienecho hatte die Offiziellen aufgehalten, und so geschah, was ebenso unerwartet wie vorhersehbar war: eine Gruppe von DDR-Bürgern ging auf das nicht mehr verschlossene Tor zu, öffnete es und überschritt die Grenze. Viele, viele folgten.

Die ungarischen Grenzsoldaten, die noch mit den österreichischen Kollegen das Vorgehen bei der Grenzkontrolle – der angemeldeten Delegation natürlich - klären wollten, hätten nun eigentlich dem anwachsenden Strom der Fliehenden Einhalt gebieten müssen - durchaus auch mit der Waffe. Sie taten es nicht.

Árpád Bella, Kommandant des provisorischen Grenzübergangs, entschied, keine Maßnahmen zu ergreifen und vermied dadurch Panik und Blutvergießen. Er tat dies, obwohl er sich nicht sicher sein konnte, straflos davon zu kommen - schließlich war die politische Veränderung noch nicht vollzogen.

Das Picknick fand schließlich auch noch statt, als eine Art Volksfest, bei dem Ansprachen gehalten, den zahlreichen Pressevertretern Interviews gegeben und fast ein Kilometer des Grenzdrahtzaunes abgebaut wurden.

Es ist noch immer nicht ganz klar, wie viel die politischen Spitzen von den Ereignissen – auch im Vorfeld - wussten oder ahnten, oder ob sie gar die Dinge mit steuerten. Widersprüchliches geschah im Nachhinein. Zunächst gab es keinen Militäreinsatz, später wurde die Grenze wieder bewacht und auch scharf geschossen. Beteiligte erhielten erst nur eine kleine formale Rüge, später kam doch noch ein Verfahren gegen sie in Gang.

Was bleibt, ist der mutige Einsatz von Menschen für Freiheit auf die Hoffnung hin, dass die Anzeichen auf Veränderung des politischen Klimas in Osteuropa sich durchsetzen würden. Diese Menschen haben daran geglaubt und sie sind Risiken dafür eingegangen. So gelang, was zu diesem Zeitpunkt noch immer wenige für realisierbar hielten: ein Durchbruch. Ein kleiner an der Ungarisch-Österreichischen Grenze, ein großer in der politischen Landschaft in Europa.

 

 

 

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