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Ortsbegehung des Veitshöchheimer Inklusion-Arbeitskreises: Mülltonnen auf dem Gehsteig führen häufig zu blauen Flecken bei blinden Fußgängern

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Bei Mülltonnen auf dem Gehsteig sind für Blinde blaue Flecken vorprogrammiert. Dies ergab eine Ortsbegehung des Veitshöchheimer Arbeitskreises Inklusion.

Den „Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai“ hatte Christina Feiler, die Leiterin des Arbeitskreises Inklusion und Behindertenreferentin des Veitshöchheimer Gemeinderates zum Anlass genommen, mit einer kleinen Aktion  auf das Problem "fehlende  Barrierefreiheit auf Gehwegen am Beispiel von Mülltonnen“ aufmerksam zu machen und dafür die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Mit Mitgliedern des Arbeitskreises und einigen Betroffenen machte sie deshalb am Montag, 07. Mai, als die Abfuhr der blauen Papiertonnen anstand, eine Ortsbegehung in zwei Etappen.

Bei der ersten Etappe um 7:30 Uhr ging es am Bahnhof los. Christina Feiler und AK-Mitglied Günter  Thein begleiteten  Barbara Mergenthaler, eine blinde Frau mit Blindenstock, die mit dem Zug aus ihrem Wohnort Himmelstadt kam, von dort auf dem Weg über dem Speckertsweg zu ihrer Arbeit im BFW in der Helen-Keller-Straße.

Mit dabei ist auch Hans-Peter Martin. Er war 35 Jahre Kreisgeschäftsführer des VdK Würzburg und seiner Pensionierung 2016 engagiert er sich ehrenamtlich als Berater für Barrierefreiheit beim VdK. „Barrierefreiheit ist nicht nur für einige wenige wichtig“, betont Martin. In Deutschland seien zehn Prozent der Bürger auf Barrierefreiheit angewiesen und es werden nach seinen Worten eher mehr als weniger.

Es ist erstaunlich, wie Barbara Mergenthaler, Mutter von fünf Kindern, ihre Erblindung gemeistert hat und voller Lebensfreude am frühen Morgen auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle ist. Voller  Schwung überquert sie die Straße im Kreuzungsbereich und geht schnurstracks auch an dem Verkehrsschild rechts vorbei, da sie ihren Stock vornehmlich an der Gehsteigkante führt. Ende 2001 war sie, wie man auf der BFW-Homepage nachlesen kann, aufgrund einer nicht zu heilenden Stäbchen-Zäpfchen-Dystrophie so gut wie blind und musste erkennen, dass sie ihren geliebten Beruf als selbst-ständige Landschaftsarchitektin nicht mehr länger ausüben konnte. Im Veitshöchheimer BFW lernte die gebürtige Mittelfränkin schon 2002 die Punktschrift. Nach dem einjährigen Punktschriftkurs entschied sie sich für die zweijährige BFW-Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, die sie 2005 abschließen konnte. Als sei das nicht genug, erwarb die studierte Landschaftspflegerin zeitgleich zur anspruchsvollen Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten im September 2005 als erste blinde Absolventin Deutschlands den Europäischen Wirtschaftsführerschein. Heute ist sie selbst als Punktschrift-Lehrkraft am BFW tätig.

Auf ihrem Weg zum BFW den Speckertsweg hoch, macht sie laufend unliebsame Bekanntschaften mit blauen Mülltonnen, die an der Vorderkante des Gehsteiges platziert sind. Blaue Flecken im Bauch und Hüftbereich sind so vorprogrammiert, wie auch die nachfolgenden Kollissionen offenbaren.

Bei der zweiten Etappe, die am frühen Nachmittag um das Wohnquartier zwischen Lindentalstraße, Nikolaus-Fey-Straße, Günterslebener Straße und Heinestraße führte, waren dabei v.l.n.r. Lisa Walter-Husch mit einem Kinderwagen, Ilse Hohmaier (AK Inklusion), Christina Feiler (Behindertenbeauftragte des Gemeinderates), das in der Lindentalstraße wohnende blinde Ehepaar Hans und Gisela Schmitt sowie die AK-Mitglieder Egon Eyrich, Sabine Hampel als "Versuchskaninchen" im Rollstuhl und Günter Thein.

Wie bereits am frühen Morgen, kristallisierten sich die an der Gehsteigkante stehenden Papiertonnen als großes Hindernis für blinde Fußgänger heraus, zum Teil mussten auch der Rollstuhl und der Kinderwagen auf die Straße ausweichen.

Als große Gefahrenstelle für Blessuren am Kopf stellte sich diese in den Gehsteig ragende offene Autotür heraus.

Gefährliche Stolperstellen sind auch Verkehrsschilder inmitten des Gehsteiges.

Kaum zu glauben: dieser gerade frisch geteerte Abschnitt auf dem Gehweg wurde erst durch Zuruf vom Bauarbeiter abgesperrt, sonst wären die Blinden durchmarschiert.

Auch dieser Aufsteller mitten auf dem Gehweg vor der Apotheke wurde von Hans Schmitt gerammt.

An blinde Fußgänger denkt man offenbar häufig überhaupt nicht bei der Absicherung von Baustellen. Der aufgegrabene Gehweg ist hier zwar weiter oben durch eine Barriere abgegrenzt. Das hier angebrachte Schild "Fußgänger bitte die Straße queren" kann der Blinde jedoch nicht lesen. Es nützt auch nichts, wenn er, wie hier von der Nikolaus-Fey-Straße kommend, die Straße überquert. Er läuft dann in die offene Baustelle.

So war dies auch weiter oben der Fall, wo der blinde Fußgänger die Straße querte, um in die Eichstraße zu kommen. Hier müsste,  aus Verkehrssicherheitsgründen der gesamte Baustellenbereich, wo gerade nicht gearbeitet wird, mit den weiß-roten Sperrvorrichtungen gesichert werden. Die einzelnen Warnbaken bringen vielleicht etwas für Auto- und Radfahrer, aber nichts für blinde Fußgänger, die die Straße überqueren und dann geradewegs wie in eine Falle tappen.

Dass es bei der Abstellung von Mülltonnen auch anders geht, zeigte im Speckertsweg der Bereich der Reihenhaussiedlung vor der Einmündung in die Eichendorffstraße, wo die Tonnen an den hinteren Gehsteig-Rand aufgestellt waren und so nicht behinderten. Hier war ein Anlieger auf Barbara Mergenthalers Kampf mit den Mülltonnen aufmerksam geworden und hatte dann von sich aus seine Nachbarn für die Belange der Blinden sensibilisieren können.

Öffentlicher Appell der Blinden Barbara Mergenthaler:

 

"Keine Mülltonnen mehr auf Gehwegen."

In einem Positionspapier weist die Blinde daraufhin, dass laut Straßen-Verkehrsordnung „Fußgänger die Gehwege benutzen müssen.“ Deshalb lautet ihre Forderung, dass auf den Gehsteigen "alle", auch blinde Menschen, Eltern mit Kinderwagen, Kleinkinder mit Fahrrad, Menschen im Rollstuhl, Menschen mit Krücken, Menschen mit Rollatoren ohne Schwierigkeiten unterwegs sein können müssen.

 

Zum einen sei jedoch die neben den breiten Straßen als Restposten gestaltete Infrastruktur für Begegnungsverkehr von Fußgängern oft grundsätzlich schon viel zu schmal. Zum anderen finde sich dort alles was der Fußgänger nicht braucht: Aufsteller, Fahnenmasten, Lampen, Elektrokästen, Hydranten, Stühle, Wahlplakate, Mülltonnen, gelbe Säcke, Hinweisschilder für Autofahrer (Verkehrsschilder, Baustellenschilder, parkende Autos) - damit die Auto-Schnelligkeit auf der Straße ja nicht gebremst wird.

 

Alle Bürger haben es nach Mergenthalers Meinung in der Hand, die angebotenen Fußwegflächen für die dafür vorgesehene Nutzung freizuhalten, für die lebensfrohe Begegnung nicht mehr "am Rande der Straße", sondern am pulsierenden Leben der Fußwege.

 

Für Christina Feiler und die AK-Mitglieder brachte die Ortsbegehung wertvolle Aufschlüsse. Wie Feiler sagte, möchte sie nun in einem Aufruf im gemeindlichen Mitteilungsblatt alle Bürger dafür sensibilisieren, besonders beim Abstellen der Mülltonnen auf die Belange der blinden Mitbürger zu achten.

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Günther 05/08/2018 14:06

Ich würde niemals auf die Idee kommen Mülltonnen oder Säcke auf die Straße zu stellen.
Der Lärm und die Emissionen der Autos die immer wieder halten und anfahren müssen ist viel zu groß.
Früher wurden Tonnen auf der Straße aus berechtigtem Frust zudem oft umgefahren oder umgeworfen.
Wenn man als Blinder mit dem Stock "wedelt" statt nur an der Kante entlang zu streifen funktioniert das mit den Tonnen auch.